Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana werden am Universitäts- und Kinderspital Zürich zahlreiche Jugendliche mit schwersten Brandverletzungen behandelt, fast alle sind in kritischem Zustand. In dieser Krise sind Seelsorgerinnen eine wichtige Stütze. Sabine Zgraggen leitet die katholische Spitalseelsorge im Kanton Zürich. Sie und ihr Team stehen seit Neujahr im Dauereinsatz.
SRF News: Dreieinhalb Wochen sind seit der Brandkatastrophe vergangen. Wie helfen Sie den Patientinnen heute?
Sabine Zgraggen: Die Patienten sind meist im Koma und müssen operiert werden. Deshalb richten wir uns nach den Bedürfnissen der Angehörigen. Teils stehen finanzielle Fragen im Vordergrund, weil die Leute etwa Hotels brauchen und die vielleicht nicht bezahlen können. Oder es sind Dolmetscheraufgaben. Unser Team besteht aus 16 Personen und deckt viele kulturelle und sprachliche Kompetenzen ab.
Es geht also weniger um Worte?
Genau. Es geht nicht um Antworten, schon gar nicht um billigen Trost, sondern ums Zuhören, einfach dazusitzen, vielleicht eine Hand auf die Schulter zu legen und zu signalisieren: Sie sind nicht allein. Das klingt einfach, ist aber eine hohe Kompetenz.
Es geht nicht um Antworten, schon gar nicht um billigen Trost, sondern ums Zuhören.
Das Brandunglück hat viele betroffen gemacht. Welche Gefühle dominieren bei Ihnen?
Auch uns hat das extrem betroffen gemacht. Wir realisierten sofort, dass es eine nationale Katastrophe ist. Aus der Spitalbranche weiss man, dass Brandintensivstationen stark begrenzt sind. Darum war schnell klar, dass es auch in Zürich zu Verlegungen kommen wird.
Wie haben Sie und Ihr Team erfahren, dass Schwerverletzte nach Zürich kommen?
Viele erfuhren es zuerst über die Medien, zusätzlich wurde aber am Universitäts- und Kinderspital Katastrophenalarm ausgelöst. Einige aus den Care-Teams reisten dann aus Ferien oder Freitagen an.
Wie sind Sie in den ersten Stunden nach der Katastrophe vorgegangen?
Zuerst herrschte wie in jeder Krise eine Art Chaos. Es ging dann um Koordination: Wer muss aufgeboten werden? Für uns als Seelsorgende stand nicht im Vordergrund, gleich am Bett zu stehen und Leben zu retten. Sondern wir boten Hilfe dort an, wo sie gebraucht wurde.
Schnell reisten auch Familien nach Zürich. Wie begegneten Sie ihnen?
Das war die grosse Herausforderung im anfänglichen Chaos: Wo liegt welches Kind? Ist jemand identifiziert? Aber genau da sind wir eine gute Ergänzung. Wir können Angehörige empfangen, Verbindungen schaffen, damit sie nicht selbst herumtelefonieren müssen. Wir bieten zuerst praktische Hilfe: Orientierung, Versorgung, da sein.
Solidarität entsteht nur mit Empathie – und die bringt auch den Schock und die emotionale Welle mit sich, die alle mittragen müssen.
Wie gehen die Care-Teams mit dem Unglück um?
Die Belastung ist enorm. Wir können uns kaum vorstellen, wie grossflächige Verbrennungen aussehen: Verbrannte Haut, die abgetragen werden muss. Neben der fachlichen Arbeit sind das alles Menschen, viele mit Familie. Sie alle müssen das Erlebte auch verarbeiten. Solidarität entsteht nur mit Empathie – und die bringt auch den Schock und die emotionale Welle mit sich, die alle mittragen müssen.
Wie stützen Sie Ihr Team?
Es war wichtig, dass andere Seelsorgende sofort Unterstützung anboten. Und auch die Kirchenleitung sagte zu, zusätzliche Ressourcen und Kosten zu tragen. Das war wertvoll.
Ich wünsche mir politische und finanzielle Hilfe. Solidarität darf nicht nur ein Wort sein.
Es ist noch ein weiter Weg für alle Betroffenen. Was wünschen Sie ihnen?
Dass sie nicht vergessen gehen. Die Begleitung wird Monate oder Jahre dauern, psychologische Unterstützung ist aufwendig und oft schwer verfügbar. Ich wünsche mir politische und finanzielle Hilfe. Solidarität darf nicht nur ein Wort sein.
Das Gespräch führte Nina Thöny.