Nach der verheerenden Brandkatastrophe in Crans-Montana ist das nationale «Disaster Victim Identification» Team im Einsatz, um die Todesopfer zu identifizieren. Leiter Christian Brenzikofer spricht im Interview über die schwierige Arbeit, den Druck der wartenden Familien und die psychische Belastung für die Einsatzkräfte.
SRF News: Ihre Hauptaufgabe ist die Identifikation der Toten. Wie genau gehen Sie vor?
Christian Brenzikofer: Wir richten eine sogenannte Leichensammelstelle ein. Dort sammeln wir die Post-mortem-Daten der Opfer: Wir nehmen DNA-Proben, Fingerabdrücke und erfassen den Zahnstatus. Parallel dazu versuchen wir, von den Angehörigen Ante-mortem-Daten zu erhalten, also Informationen über die Vermissten vor ihrem Tod. Diese beiden Datensätze werden dann abgeglichen. Unser Ziel ist eine felsenfest sichere Identität. Mit den schnellen Abgleichen aus Krimiserien hat das nichts zu tun. Das braucht Zeit.
Die Opfer in Crans-Montana sind Brandopfer. Macht das die Identifikation schwieriger?
Ja, Brandopfer sind eine ganz besondere Herausforderung. Das ist für die Einsatzkräfte schon wegen des Geruchs und des Anblicks extrem schwierig. Äussere Merkmale wie Tätowierungen oder das Gesicht sind oft nicht mehr erkennbar. Deshalb wird der Zahnstatus umso wichtiger. Röntgenbilder von Zahnärzten können entscheidende Hinweise auf die Identität geben.
Es bringt nichts, eine voreilige und vielleicht falsche Identität zu kommunizieren.
Wie lange dauert dieser Prozess? Der Druck der Angehörigen muss enorm sein.
Der Druck ist gross, aber es bringt nichts, eine voreilige und vielleicht falsche Identität zu kommunizieren. Das wäre unmenschlich. Das Warten für die Angehörigen ist furchtbar, man hat vielleicht noch eine Resthoffnung. Aber wir brauchen für eine Identifikation Tage. Wir müssen absolut sicher sein, bevor wir eine Todesnachricht überbringen.
Eine solche Arbeit ist extrem belastend. Wie verkraften Ihre Leute das?
Im Einsatz sind die Leute sehr fokussiert. Der Stress kommt danach. Im Team herrscht ein grosser Zusammenhalt, man tauscht sich untereinander aus. Nach dem Einsatz gibt es ein Debriefing und psychologische Unterstützung. Emotionen gehören dazu, es wäre komisch, wenn es nicht so wäre. Aber am Ende bleibt der Gedanke: Irgendwer muss diese Arbeit machen.
Viele der Opfer in Crans-Montana stammen aus dem Ausland. Welche zusätzlichen Herausforderungen bringt das mit sich?
Das ist sicher eine Erschwernis. Es fängt bei den verschiedenen Sprachen an. Zudem entsteht schnell politischer Druck, wenn Delegationen aus den Heimatländern der Opfer anreisen und Informationen erwarten. Eine weitere Herausforderung ist es, die nötigen Informationen über die Vermissten – also die Ante-mortem-Daten – zeitnah aus dem Ausland zu erhalten, um den Abgleich machen zu können.
Das Gespräch führte Karoline Arn.
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Bild 1 von 21. Zahlreiche Menschen legen in Crans-Montana Blumen nieder. Bildquelle: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott.
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Bild 2 von 21. Der italienische Aussenminister Antonio Tajani (2. von links) hat Crans-Montana besucht. Gemeinsam mit dem Walliser Staatsratspräsident Mathias Reynard hat er unweit des Unglücksortes einen Blumenstrauss niedergelegt. Bildquelle: Keystone/EPA/GIUSEPPE LAMI.
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Bild 3 von 21. Die Betroffenheit aus der Bevölkerung ist einen Tag nach der Katastrophe... Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 21. ... in der Gemeinde spürbar. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 21. Die Bar «Le Constellation» – der Ort des Unglücks am Tag danach. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 21. Das Medieninteresse auch aus dem Ausland ist nach wie vor gross. Bildquelle: SRF.
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Bild 7 von 21. Die Schweizer Flaggen am Bundeshaus wehen für fünf Tage auf Halbmast. Die Waadtländer Kantonsregierung folgte dem Beispiel. Bildquelle: KEYSTONE/Anthony Anex.
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Bild 8 von 21. Vor dem abgesperrten Gebiet um den Unglücksort versammelten sich am Donnerstagabend hunderte Trauernde. Bildquelle: KEYSTONE/Alessandro della Valle.
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Bild 9 von 21. Die Menschen in Crans-Montana sind tief betroffen. Bildquelle: REUTERS/Stephanie Lecocq.
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Bild 10 von 21. Unter den Opfern befinden sich viele junge – teils minderjährige – Menschen. Bildquelle: Alessandro della Valle/Keystone via AP.
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Bild 11 von 21. Am Donnerstagabend fand eine Gedenkmesse in der katholischen Kirche in Crans-Montana statt. Bildquelle: EPA/ALESSANDRO DELLA VALLE.
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Bild 12 von 21. Am Donnerstagnachmittag machte sich Bundespräsident Guy Parmelin vor Ort ein Bild der Lage. Bildquelle: SRF/Anna-Lisa Achtermann.
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Bild 13 von 21. Bestattungsfahrzeuge vor dem Unglücksort: Die Walliser Behörden gehen von rund 40 Todesopfern aus. Bildquelle: KEYSTONE/Jean-Christophe Bott.
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Bild 14 von 21. Eine Vielzahl von Kriminaltechnikerinnen und -technikern war vor Ort, um die Ursache des Feuers zu ermitteln. Bildquelle: REUTERS/Denis Balibouse.
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Bild 15 von 21. Die Menschen in Crans-Montana stehen nach der Katastrophennacht unter Schock. Bildquelle: SRF/Anna-Lisa Achtermann.
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Bild 16 von 21. Die Rega setzte für die Versorgung und Verlegung von Brandopfern auch Ambulanzflugzeuge ein. Bildquelle: REUTERS/Pierre Albouy.
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Bild 17 von 21. Die Behörden sprachen an der ersten Medienkonferenz am Donnerstagvormittag noch von «Dutzenden Verstorbenen». Bildquelle: Keystone/Alessandro della Valle.
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Bild 18 von 21. Chaotisch zurückgelassene Stühle, angelaufene Scheiben, ein Turnschuh: Blick in das Innere der ausgebrannten Bar «Le Constellation». Bildquelle: Keystone/Kantonspolizei Wallis.
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Bild 19 von 21. Im Rettungseinsatz standen 13 Helikopter, 42 Ambulanzen und 150 Sanitäterinnen und Sanitäter. Bildquelle: X/Osint World.
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Bild 20 von 21. Was als Neujahrsfest über die Bühne gehen sollte, endete für viele in einem Drama. Bildquelle: Keystone/Kantonspolizei Wallis.
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Bild 21 von 21. Die Bar «Le Constellation» steht in Flammen. Die Einsatzkräfte wurden um 01:30 Uhr alarmiert. Bildquelle: Screenshot/Social Media/X@Tyroneking36852.