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Vor der Abstimmung «Zivis» – das Bangen um die günstigen Arbeitskräfte

Verlassen sich soziale Institutionen allzu sehr auf Zivildienstleistende? Die Reportage aus dem Einsatzbetrieb.

Saru schaltet einen Gang höher. Beschleunigt den Elektrorollstuhl auf sechs Kilometer pro Stunde. Dreht eine Runde vor dem Eingang des Pflegezentrums. Und bremst dann abrupt ab. Die Bremsen funktionieren. Saru drückt auf die Hupe. Die quäkt genug laut. Der Rollstuhl ist bereit für den Einsatz im Pflegezentrum.

Zivildienst in der Rehabilitationstechnik

Sarushan Jegatheeswaran – auf der Arbeit nennen ihn alle Saru – ist 28 und leistet im Pflegezentrum Tilia in Köniz seinen Zivildienst. In der Reha-Technik kümmert er sich unter anderem um die Rollstühle.

Person mit blauen Handschuhen und im Zivildienst-Short arbeitet an einem Rollstuhl in einer Werkstatt.
Legende: Sarushan Jegatheeswaran leistet Zivildienst in einem Pflegeheim. Im Bild ersetzt er die Seitenstützen an einem Rollstuhl. SRF / Tobias Gasser

Es geht zurück in den Keller des Pflegezentrums, ins Reich der Rehabilitationstechnik. Hier werden 1500 Rollstühle und Gehhilfen gepflegt, gewartet und geflickt. Dies für alle Standorte der Stiftung Tilia.

Die Stiftung betreibt fünf Pflegezentren im Raum Bern. Sie ist spezialisiert auf Langzeitpflege. 40 bis 60 Zivildienstleistende leisten jährlich bei Tilia einen Einsatz.

Auftrag: Rollstuhl flicken

Jegatheeswaran fährt die Druckluft-Rampe hoch. Sein neuer Auftrag: Ein Rollstuhl braucht neue Seitenstützen. Angepasst an die Besitzerin.

«Wir gehen auch mal die Masse nehmen. Sitzbreite, Sitztiefe und die Unterschenkellänge», erklärt Jegatheeswaran. Je nach Beschwerden würden auch andere Dinge zusätzlich angepasst – zum Beispiel die Sitzpolster, damit keine Druckstellen entstehen.

Zuerst Armee, dann Zivildienst – das will der Bund verhindern

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Sarushan Jegatheeswaran hat die Rekrutenschule (RS) und einen Wiederholungskurs (WK) als Militärpolizeigrenadier besucht. Als er begann, sich mit seinen familiären Wurzeln und dem dreissigjährigen Bürgerkrieg in Sri Lanka auseinanderzusetzen, entschied er sich gegen das Militär. «Aus ethischer Sicht hat sich vieles verändert. Mit 19, 20 Jahren habe ich vieles noch anders gesehen als jetzt.» Darum habe er sich für den Zivildienst entschieden.

Geht es nach den Plänen des Bundes, sollen solche Wechsel nach der Rekrutenschule in den Zivildienst erschwert werden: Die Änderung des Zivildienstgesetzes würde eine Mindestanzahl von 150 Zivildiensttagen einführen. Damit sollen Armeeangehörige nach der RS vom Wechsel in den Zivildienst abgehalten werden. Der Bundesrat will mit dieser Massnahme die Zulassungen zum Zivildienst um 40 Prozent senken und damit die Bestände der Armee sichern.

Der Zivildienst-Verband Civiva und linke Parteien haben dagegen das Referendum ergriffen. Am 14. Juni 2026 kommt die Vorlage vors Volk.

Aktuell ist das der Alltag von Jegatheeswaran. Er hatte eine Lehre als Elektroniker absolviert, später studierte er biomedizinische Technologie. Er arbeitet, wenn er nicht im Zivildienst ist, bei einem Start-up, das medizinische Sensoren entwickelt.

Eine willkommene Unterstützung

Zivildienstleistende wie Sarushan Jegatheeswaran seien eine willkommene Unterstützung, sagt der CEO der Stiftung Tilia, Niklas Hirt. Als Beispiel für Tätigkeiten nennt Hirt die Begleitung von Bewohnerinnen auf Spaziergängen oder das Einrichten von Zimmern. «Da helfen in der Regel die Angehörigen. Aber die leben nicht immer gleich um die Ecke.» Und dann übernimmt der Zivildienstleistende.

Der Zivildienst-Verband Civiva warnt: Wenn die Zulassungen zum Zivildienst zurückgingen, würden Einsatzbetriebe wie zum Beispiel Pflegeheime geschwächt. Fachpersonal fehle, und weniger Zivildienstleistende würden den Mangel noch verschärfen.

«Zivis» sind nicht gratis zu haben

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Zivildienstleistende würden als billige Arbeitskräfte missbraucht – so eine gängige Kritik.

Grundsätzlich dürfen Zivildienstleistende nicht in gewinnorientierten Bereichen eingesetzt werden. Die Einsatzbetriebe müssen ihre Gemeinnützigkeit nachweisen. Zudem gilt, Zivildiensteinsätze dürfen keine bestehenden Arbeitsstellen bedrohen, die Lohnbedingungen dürfen sich nicht verschlechtern und ein Betrieb darf auch keinen Wettbewerbsvorteil erhalten durch die Beschäftigung eines «Zivis».

Darum kosten Zivildienstleistende den Einsatzbetrieben Geld. So müssen sie Entschädigungen an die «Zivis» leisten. Diese bekommen je ein tägliches Taschengeld (vergleichbar mit dem Militärsold) von 7.50 Franken ausbezahlt. Daneben hat der Zivildienstleistende Anrecht auf Mahlzeiten oder eine Mahlzeitenentschädigung, eine Unterkunft oder eine Transportkosten-Entschädigung.

Zusätzlich bezahlt der Einsatzbetrieb eine Abgabe an den Bund. Diese ist abhängig vom orts- und berufsüblichen Bruttolohn für eine vergleichbare Tätigkeit. Sie variiert je nach Tätigkeit zwischen 9.50 und 79.40 Franken pro Diensttag.

Die Kosten für die Einsatzbetriebe können also variieren: zwischen knapp 1000 Franken und fast 4000 Franken monatlich.

Der Kanton Bern hat errechnet, dass für einen Zivildiensteinsatz an einer Schule mit circa 1500 Franken Kosten monatlich zu rechnen sei.

Das Bundesamt für Zivildienst ZIVI kontrolliert die Betriebe und stellt die Rechnung für die Abgabe an den Bund.

Niklas Hirt von der Stiftung Tilia sieht das differenzierter. Abhängig sei man nicht von den Zivildienstleistenden. «Wir müssen in der Pflege mit unserem Fachpersonal Vorgaben durch den Richtstellenplan erfüllen.» Auch das Fachpersonal sei vorhanden für sonstige Aufgaben.

Schnellere und bessere Angebote bedroht

Aber das unterstützende Angebot sei bedroht, wenn die Zahl der Zivildienstleistenden zurückginge. «Zivis» ermöglichten den Einsatzbetrieben, dass viele Dienstleistungen und Angebote qualitativ besser und schneller zur Verfügung stünden, sagt Niklas Hirt: das Einrichten eines Zimmers, das Begleiten bei einem Spaziergang oder das schnelle Flicken eines Rollstuhls.

Eine Abstimmungsempfehlung gibt Tilia nicht ab. Die Institution sei politisch neutral.

Person in blauem T-Shirt arbeitet an einem Rollstuhl in einer Werkstatt.
Legende: «Saru», wie ihn alle nennen, bringt einen kaputten Rollstuhl auf Vordermann. Damit die Besitzerin ihn bald wieder einsetzen kann und ihre Mobilität zurückgewinnt. SRF / Tobias Gasser

Inzwischen hat Jegatheeswaran die kaputten Seitenstützen am Rollstuhl ersetzt. Die Bremsen sind kontrolliert. Er putzt noch den Rollstuhl und bringt ihn dann der Bewohnerin aufs Zimmer zurück. Damit sie wieder mobil ist.

Abstimmungsdossier

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Legende: SRF

News und Hintergründe zu den Abstimmungen vom 14. Juni 2026.

Echo der Zeit, 30.05.2026, 18 Uhr; noes

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