Ehemalige Mitarbeitende warfen einem Professor der ETH Zürich Machtmissbrauch vor. Wegen des unangemessenen Verhaltens entschuldigte sich die damalige Rektorin schriftlich bei Betroffenen. Jetzt werden neue Vorwürfe laut, wie eine Recherche von SRF Investigativ zeigt.
Der Fall des Professors reiht sich ein in weitere Fälle von mutmasslichem Machtmissbrauch an der ETH und anderen Hochschulen der Schweiz. Die Anwältin Monika Hirzel führt selbst Untersuchungen zu Mobbing, Diskriminierung und Belästigungen durch und sagt, Anlaufstellen würden helfen, aber mehr davon seien nicht automatisch besser.
SRF News: Wieso kommt es gerade an Hochschulen immer wieder zu Vorwürfen im Zusammenhang mit Machtmissbrauch?
Monika Hirzel: Bei Hochschulen ist die Problematik der Hierarchien und Abhängigkeiten besonders ausgeprägt. Gerade Doktorandinnen und Doktoranden sind nicht nur in einem Arbeitsverhältnis, sondern auch angewiesen darauf, dass ihre Arbeit gut bewertet wird. Das erhöht das Abhängigkeitsverhältnis und damit das Potential für Machtmissbrauch.
Was können Hochschulen tun, um mutmasslichen Machtmissbrauch zu unterbinden?
Es braucht interne, aber auch externe Anlaufstellen, an die sich alle Personen an der Hochschule vertraulich wenden können. Es braucht Schulungen von Führungskräften und Personalverantwortlichen im Umgang mit solchen Fällen. Sie müssen wissen, was ihre Fürsorgepflicht als Arbeitgeber beinhaltet. Um Machtmissbrauch zu bekämpfen, haben Universitäten Meldestrukturen geschaffen.
Letzten Oktober zeigte eine Umfrage des investigativen Rechercheteams «Reflekt» jedoch, dass viele Betroffene diesen Anlaufstellen nicht vertrauen. Haben Sie Verständnis für diese Perspektive?
Die Fragen, die sich Hochschulen hier stellen müssten, wären: Wieso vertraut man diesen Stellen nicht? Wieso erachtet man sie als ungenügend? Der Arbeitgeber sollte prüfen, ob er allenfalls etwas dafür tun kann, um dieses Vertrauen zu stärken.
Warum haben Leute Angst, eine Meldung zu machen?
Das kann verschiedene Gründe haben. So etwa Angst vor Repressalien oder davor, dass die Vorwürfe nicht ernst genommen werden. Aber auch Angst vor den möglichen Konsequenzen einer Meldung.
Es besteht die Gefahr von einem «Stellenhopping», dass Betroffene von einer Stelle zur anderen gelangen.
Am Beispiel der ETH Zürich zeigt sich, wie viele Anlauf- und Meldestellen in den letzten Jahren geschaffen wurden. Ist mehr automatisch besser?
Bei so vielen Stellen besteht die Gefahr, dass Informationen verloren gehen. Und dass die Stelle, die einen Fall schliesslich untersucht, nicht alle Informationen hat, weil kein Austausch zwischen den Stellen stattfindet.
Gibt es weitere Gefahren?
Wenn viele verschiedene Stellen teilweise die gleichen Themen behandeln, ist es für Betroffene schwierig, die richtige Stelle zu finden. Es liegt in ihrer Verantwortung, zu suchen. Und gleichzeitig besteht die Gefahr von einem «Stellenhopping», also dass Betroffene von einer Stelle zur anderen gelangen, bis sie vielleicht das hören, was sie hören möchten.
Sie untersuchen selbst immer wieder Vorwürfe von Diskriminierung, Mobbing, sexueller Belästigung. Gibt es falsche Anschuldigungen in diesem Kontext?
Falsche Anschuldigungen sind nicht ausgeschlossen. Sie sind aber nach meiner Erfahrung in 20 Jahren sehr, sehr selten.
Das Gespräch führte Fabian Kohler.