Mit der Eishockey-WM steht die Universitätsstadt Freiburg im internationalen Rampenlicht. Doch wie tickt die eishockeyverrückte Stadt eigentlich? Freiburg sei eine Art linkes Politlabor, sagt Thierry Steiert, bis vor Kurzem Stadtpräsident, im «Tagesgespräch».
SRF News: Der diesjährige Schweizer Eishockeymeister heisst HC Freiburg-Gottéron. 80'000 Fans haben den Titel gefeiert, doppelt so viele Leute, wie in Freiburg wohnen. Wie wichtig ist der Titel für die Stadt?
Thierry Steiert: Der Titel ist mit riesigen Emotionen verbunden. Die 80'000 Leute repräsentieren auch die Tatsache, dass der Club nicht einfach ein Stadtclub ist, sondern ein kantonaler. Die Fans kommen aus dem ganzen Kanton und darüber hinaus. Gottéron spielt eine sehr wichtige Rolle für den Zusammenhalt im Kanton Freiburg.
Bei Gottéron kommen alle zusammen, seien es französisch- oder deutschsprachige Freiburger, aus allen sozialen Schichten und aus allen Regionen. Das ist wichtig, auch um den Stadt-Land-Graben zuzudecken. Im Eishockeystadion ist jede und jeder nur noch Gottéron-Fan.
Diesen Graben gibt es. Die Stadt schwenkt politisch immer stärker nach links, während die Landgemeinden bürgerlich bleiben und sogar noch konservativer werden. Warum?
Die Dynamik, sich immer weiter nach links zu orientieren, macht sich in vielen Schweizer Städten bemerkbar. Die linken Parteien legen zu, auch in Freiburg. Bis 2006 hatten die bürgerlichen Parteien in der Stadt die Mehrheit. Dann kam es zum Wechsel nach links und die linken Parteien setzten Themen auf die Agenda, die ihnen wichtig waren.
Ihre Stadt führte einen Urlaub für Mitarbeiterinnen mit Menstruationsbeschwerden ein. Sie hob Parkplätze in der Innenstadt auf und schuf Tempo-30-Zonen und lässt Schülerinnen und Schüler bis zum Ende der Oberstufe gratis Bus fahren.
Der Menstruationsurlaub ist ein Stück weit auch Symbolpolitik. Mit dem Personalreglement ist es schon möglich, bei Menstruationsbeschwerden zu Hause zu bleiben. Den Initiantinnen ging es auch darum, öffentlich über das Thema zu debattieren.
Freiburg ist eine Bildungsstadt. Das prägt die Stadt sehr stark. Man sagt manchmal, die Stadt ist der erweiterte Unicampus.
Bei der Einführung der Tempo-30-Zonen war Freiburg Pionierin. Die Zonen haben sich etabliert.
Die Universität spielt dabei sicher eine wichtige Rolle.
Wie wichtig ihre politische Rolle ist, kann ich nicht beurteilen. Aber an der Uni studieren zwischen 10'000 und 11'000 Leute. Dazu kommen die Professorenschaft, Dozenten und weitere Uniangestellte. Es gibt auch Fachhochschulen. Freiburg ist eine Bildungsstadt. Das prägt die Stadt sehr stark. Man sagt manchmal, die Stadt ist der erweiterte Unicampus.
Sie selbst sind in einer deutschsprachigen bürgerlichen Landgemeinde aufgewachsen, sind aber perfekt zweisprachig. Damit sind Sie aber die Ausnahme, nicht die Regel. Warum wird die Zweisprachigkeit nicht mehr gepflegt?
Sie wird schon gepflegt. Es steht auch in der Kantonsverfassung, dass die Zusammenarbeit zwischen den Sprachregionen gefördert werden soll. So gibt es zweisprachige Klassen von der Primarschule bis zu den Gymnasien. Aber es ist eine Realität, dass Freiburger, je weiter weg sie von der Sprachgrenze wohnen, desto weniger zweisprachig sind.
Den einen oder anderen Match werde ich mir anschauen. Das ist ein derart aussergewöhnliches Ereignis.
Die Austragung der Eishockey-WM ist für Freiburg ein Höhepunkt. Wird man Sie auch im Stadion sehen?
Den einen oder anderen Match werde ich mir anschauen. Das ist ein derart aussergewöhnliches Ereignis. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass eine so kleine Stadt wie Freiburg zusammen mit Zürich dieses Grossereignis austragen darf. Das ist sensationell.
Das Gespräch führte Philippe Reichen.