Peter Voser ist ein internationales Schwergewicht. Als Verwaltungsrat in mehreren Firmen hat er Einblick in unterschiedliche Branchen. Am World Economic Forum rät er trotz aller Spannungen zu Gelassenheit – und zu mehr Zusammenarbeit.
SRF News: Die Welt ist geopolitisch ziemlich aus den Fugen. Sie hat man in der Vergangenheit eher als Optimist erlebt. Sind Sie es immer noch?
Peter Voser: Ich bin immer noch Optimist. In den Firmen konzentrieren wir uns auf unsere langfristigen Strategien. Man muss sie zwar kurzfristig an die geopolitische Lage anpassen. Aber grundsätzlich hat jede Disruption auch Opportunitäten. Und durch diese Linse schaue ich es an.
In einer Umfrage des WEF sagt mehr als die Hälfte der Teilnehmer, dass sie in naher Zukunft mit einer wirtschaftlichen Abschwächung rechnen. Was läuft schief?
Also, grundsätzlich gehöre ich zu den anderen 50 Prozent. Auch wenn das Wachstum etwas kleiner geworden ist, glaube ich, dass die Welt signifikant wachsen wird. Was läuft falsch? Ich habe die starke Überzeugung, dass man in verschiedenen Firmen und Industrien viel zu kurzfristig reagiert, dass man nicht mehr auf die langfristigen Trends schaut. In der heutigen Welt, in der die multilateralen Verbindungen nicht mehr richtig funktionieren, ist es absolut essenziell, dass Regierungen und Firmen wieder näher zusammenkommen. Wir können die Probleme nicht alleine lösen, und die Politik kann sie auch nicht lösen.
Man muss mit jenen zusammenarbeiten, die ähnlich denken.
Wird die Schweiz zwischen den Machtblöcken zerrieben? Oder kann sie ihnen entgegentreten?
Ich bin stark der Überzeugung, dass man aktiv sein muss. Nicht, indem man die zwei Pole China und USA zu beeinflussen versucht, sondern, indem man mit anderen Ländern zusammenarbeitet. Das können andere kleine Länder sein, wie Singapur, Chile oder Neuseeland. Oder dann mit grösseren Blöcken, in denen wir viele Exportchancen haben. Das wäre zum Beispiel die EU. Man muss mit jenen zusammenarbeiten, die ähnliche Wertesysteme haben und ähnlich denken.
Unter Donald Trump ist das politische Klima spürbar rauer geworden. Wir erleben hier in Davos, dass einflussreiche Wirtschaftsvertreter Interviews kurzfristig absagen, weil es zu heikel sei, sich zu äussern. Was sagt uns das über den aktuellen Zustand?
Ich würde das so umschreiben: Wir als Unternehmen müssen unseren Job machen. Und dann gibt es die geopolitische Makro-Ansicht, und dort muss man von Fall zu Fall entscheiden, ob man eine Meinung hat, ob man diese auch publik macht oder ob man hinter den Kulissen daran arbeitet. Das ist manchmal nicht ganz so einfach. Ich würde kein Interview absagen, das ist der falsche Weg. Aber man muss versuchen, jene zu beeinflussen, die mit einem Präsidenten Trump oder anderen Politgrössen diskutieren können.
Wir müssen unsere Meinung sagen.
Müssen Sie als Vorsitzender eines Weltkonzerns wie ABB auch vorsichtiger sein?
Ich bin es grundsätzlich nicht. Wir müssen unsere Meinung sagen. Aber die Sprache, die man wählt, kann direkt sein oder eher umschreibend. Aber eines ist klar: Das gegenwärtige Geschäftsumfeld mit all seinen Unsicherheiten weltweit ist nicht förderlich für Firmen wie ABB oder für andere Firmen, in die ich involviert bin. ABB hat 110'000 Angestellte. Sie lesen auch Zeitung, sie sind auch nervös. Dort müssen wir Einfluss nehmen, damit sie nicht gleich nervös werden, wenn sie wieder die falsche Schlagzeile lesen. Ihnen müssen wir helfen, es richtig einzuschätzen.
Das Gespräch führte Andreas Kohli.