Der Iran-Krieg hat auch Auswirkungen auf die Warenströme. Die Golfregion ist eine wichtige Drehscheibe für den internationalen Handel. Stefan Paul, Chef des Logistikdienstleisters Kühne+Nagel, spricht über fehlende Flugzeuge, mögliche Alternativen und eine drohende Versorgungsknappheit in Dubai. Der Schweizer Speditionskonzern gehört zu den weltweit grössten und hat seinen Sitz in Schindellegi SZ.
SRF News: Praktisch blockierte Flughäfen und Meeresrouten in der Golfregion: Sind Sie aktuell vor allem am Probleme lösen?
Stefan Paul: Seit dem Wochenende sind wir sehr aktiv. Wir haben tägliche Krisenmeetings, prüfen die Lage und schauen, dass es unseren Mitarbeitenden in der Region gut geht.
Wegen der fast stillgelegten Flughäfen in der Golfregion stehen viele Flugzeuge am Boden. Was bedeutet das für den Warenverkehr?
18 Prozent der weltweiten Luftfrachtkapazitäten fallen aktuell weg. Es kann zu Rückstaus kommen. Die Ware stapelt sich an den Produktionsorten in Asien, zum Beispiel Hightech-Produkte aus Vietnam oder Konsumgüter aus China. Wenn der Kunde diese Ware aber verkaufen will, steigt die Nachfrage nach zusätzlichen Kapazitäten. Unsere Aufgabe ist es, Flugzeuge dorthin zu bringen, wo die Nachfrage besteht.
Sie chartern also zusätzliche Flugzeuge. Was kostet das?
Normalerweise kostet ein grosser Charterflieger von Asien nach Europa etwa 450’000 bis 500’000 Dollar. Während der Pandemie hat man gesehen, dass dieser Preis innerhalb von Stunden auf eine Million Dollar oder mehr steigen kann. Um solche Flieger einzukaufen, braucht man eine gewisse Finanzkraft. Das können nur die Grossen.
Abgesehen von steigenden Energiepreisen werden wir das hier in Europa kaum merken.
Wie stark ist die Seefracht betroffen?
Die Hafenanlagen in der Golfregion sind überwiegend geschlossen. Die Strasse von Hormus ist aber für die Containerschifffahrt eher sekundär, dort geht es hauptsächlich um den Transport von Öl. Die grossen globalen Handelsrouten, etwa von Asien in die USA oder nach Europa, sind davon kaum betroffen. Abgesehen von steigenden Energiepreisen werden wir das hier in Europa kaum merken. Der Endverbraucher wird keine Produkte im Regal vermissen.
Wie steht es um die Versorgung in den Golfstaaten selbst, wenn die Schiff- und Flughäfen mehr oder weniger stillgelegt sind?
Dort ist die Lage anders. Dubai hat zum Beispiel nur noch frische Lebensmittel für etwa zehn Tage. Da sehr viel importiert wird, könnte es gerade im Frischebereich schnell knapp werden.
Je komplexer, desto mehr sind unsere Dienstleistungen nachgefragt.
Welche Alternativen gibt es, um Dubai zu versorgen?
Man kann Ware nach Saudi-Arabien fliegen und von dort mit Lastwagen weitertransportieren, die Grenzen sind passierbar. Aber man muss sich das Ausmass vorstellen: Ein einziges Containerschiff fasst 20’000 Container. So viele Sattelschlepper können Sie gar nicht chartern, um das aufzufangen. Wenn die Situation länger andauert, wird es zu Engpässen kommen.
Profitieren Sie als grosser Logistiker von einer solchen Krise?
Es ist tatsächlich zynisch, da viele Menschen unter der aktuellen Situation leiden. Aber es ist grundsätzlich schon so: Je grösser die Komplexität ist, desto stärker sind unsere Dienstleistungen nachgefragt.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.