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Neue Mittel gegen Infektionen Wie die Schweiz aus der Antibiotika-Krise kommen will

Es fehlt weltweit an neuen Antibiotika, Experten sprechen von einem Marktversagen. Nun denken Länder über neue Bezahlmodelle für Pharmafirmen nach – auch die Schweiz.

Darum geht es: Antibiotika sind ein unverzichtbarer Bestandteil unserer modernen Medizin – es braucht allerdings immer neue Antibiotika-Produkte, weil die bekämpften Bakterien Resistenzen entwickeln. Doch die Neuentwicklung stockt, viele Infektionen können schon heute nicht mehr behandelt werden. Simon Gottwalt, beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) zuständig für Antibiotika-Resistenzen beim Menschen, spricht von einer «stillen Pandemie». «Es gibt schon heute jährlich etwa 1.3 Millionen Todesfälle weltweit durch Antibiotikaresistenzen. Das ist mehr als durch HIV und Malaria zusammen.»

Warum zu wenig neue Antibiotika nachkommen: Um möglichst lange wirksam zu bleiben, sollen neue Antibiotika möglichst selten zur Anwendung kommen. Das bedeutet: Wenn eine Pharmafirma ein neues Produkt lanciert, wird es als Reserve-Antibiotikum angesehen und selten verwendet. Der Hersteller wird damit also nicht viel Umsatz machen. Viele Pharmafirmen haben ihre Antibiotika-Sparten deshalb aufgegeben. Expertinnen und Experten sprechen aufgrund dieser Dynamik von einem Marktversagen bei der Antibiotika-Entwicklung.

Das Beispiel Menarini

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In der Schweiz hat zuletzt das italienische Pharmaunternehmen Menarini drei neue Antibiotika-Produkte auf den Markt gebracht – das war vor rund vier Jahren.

Dani Roth, Verwaltungsrat und Berater der Schweizer Niederlassung von Menarini, sagt aber, dass das kommerziell eigentlich keine gute Idee war: «Im letzten Jahr haben wir mit den drei Produkten einen Umsatz von einer halben Million gemacht. Das ist angesichts der Kosten und des Aufwands bei den drei Produkten kein Geschäft, das sich rechnet.»

Die Produkte lieferten nur etwa zwei Prozent vom Umsatz. Trotzdem halte Menarini an der Antibiotika-Sparte fest, sagt Dani Roth. Als Familienunternehmen könne Menarini es sich leisten, längerfristig zu denken und zu handeln. «Nichtsdestotrotz sollten die Produkte eine positive Rendite abwerfen, aber das machen sie bei Weitem nicht.»

Das Feuerwehr-Problem: Alarmiert vom Marktversagen ist auch der Round Table Antibiotika Schweiz, ein Verein mit Mitgliedern aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Der Verein setzt sich seit fast 10 Jahren dafür ein, dass sich die Rahmenbedingungen für Antibiotika verbessern.

Wenn wir anfangen, die Feuerwehr nach ihren Einsätzen zu bezahlen, haben wir plötzlich sehr viele Brände.
Autor: Rudolf Blankart Gesundheitsökonom und Präsident Round Table Antibiotika Schweiz

Rudolf Blankart, Gesundheitsökonom und Präsident des Round Table, sieht das Kernproblem in der volumenbasierten Vergütung. «Das ist wie mit der Feuerwehr: Wenn wir anfangen, die Feuerwehr nach ihren Einsätzen zu bezahlen, haben wir plötzlich sehr viele Brände. Deswegen bezahlen wir sie nicht pro Einsatz, sondern dafür, dass sie verfügbar ist.» Heisst im Umkehrschluss: Noch bezahlen wir die Antibiotika-Feuerwehr nach der Zahl der Brände, also: der Behandlungen. Und das schrecke viele Firmen ab, sagt Blankart.

Ideen gegen den Mangel

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Nahaufnahme einer Hand, die Tabletten in Blisterpackungen hält.
Legende: In mehreren Ländern versucht die Politik, die Antibiotika-Entwicklung mit alternativen Vergütungsmodellen wieder in Gang zu bringen. IMAGO / Panthermedia
  • Schweden zum Beispiel versucht es mit einer Umsatzgarantie für Antibiotika-Hersteller.
  • In Grossbritannien wird ein Abo-Modell praktiziert, bei dem die Hersteller eine Art Abo-Gebühr vom Staat erhalten, egal wie oft ihr Produkt angewendet wird.
  • In der EU soll es künftig Gutscheine für Antibiotika-Hersteller geben, mit denen eine Firma den Patentschutz eines beliebigen Produkts verlängern kann.

Was die Schweiz plant: Der Bundesrat hat im August 2025 eine Revision des Epidemiengesetzes vorgeschlagen – und darin finden sich auch zwei Neuerungen, die auf die Antibiotika-Problematik zielen. Demnach will der Bund einerseits die internationale Antibiotika-Forschung finanziell fördern – weil Resistenzen nun mal ein globales Problem sind. Und andererseits will er die Hersteller von neuen Antibiotika in der Schweiz über ein Abo-Modell vergüten, ähnlich wie beim sogenannten Netflix-Modell in Grossbritannien.

Dabei soll der Hersteller eines neuen Antibiotikums zehn Jahre lang einen jährlichen Fixpreis im Umfang von vier Millionen Franken erhalten, unabhängig von der verkauften Menge. Simon Gottwald vom BAG erklärt: «Man zahlt einmal und dann können die Schweizer Spitäler so viel von diesem Antibiotikum abrufen, wie sie tatsächlich brauchen. Das hat den Vorteil, dass es keinen Anreiz für die Firmen gibt, möglichst viel von diesem Antibiotikum zu verkaufen.»

Nationale Modelle reichen nicht aus

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An der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich wird zu den ökonomischen Aspekten der Antibiotika-Krise geforscht. Ökonom Hans Gersbach, Co-Leiter der KOF, bezeichnet den Vorschlag des Bundesrats im Gespräch mit SRF als einen «Schritt in die richtige Richtung» – vor allem, weil er berücksichtige, dass Antibiotikaresistenzen ein globales Problem sind.

Gersbach sagt aber auch: «Es wird langfristig viel grössere Schritte auf internationaler Ebene brauchen, um das Problem in den Griff zu bekommen.» Die Forschenden der KOF schlagen ein internationales Anreizmodell vor: Basis dieses Modells ist ein Fonds, etabliert von mehreren finanz- und forschungsstarken Ländern. Dieser Fonds könnte sich aus öffentlichen Geldern speisen oder aus Steuern auf den Gebrauch von Antibiotika. Mit dem Geld könnten Firmen entschädigt werden, die wichtige neue Antibiotika entwickeln.

Hans Gersbach zufolge könnte man so deutlich mehr Forschung stimulieren und den Antibiotika-Gebrauch besser steuern. Die KOF-Forschungen zu dem Modell dauern an.

Das Parlament berät weiter: Wie genau das Abo-Modell aussehen wird, ist noch offen. Im Moment diskutiert das Parlament noch über das Epidemiengesetz. Klar ist: Vier Millionen Franken sind deutlich mehr, als etwa die Firma Menarini momentan mit ihren Antibiotika in der Schweiz verdient. Menarini Schweiz begrüsst den bundesrätlichen Vorschlag im Grundsatz.

Echo der Zeit, 08.07.2026, 18 Uhr; weds

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