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Pharmakonzerne Roche und Novartis: Rivalen im gleichen Boot

Novartis und Roche sind die beiden grössten Pharmakonzerne der Schweiz, stehen mit den Preisdiskussionen in den USA vor gleichen Herausforderungen – und geben sich ganz anders. Ein Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede.

Die Produkte: Novartis fokussiert auf vier therapeutische Kernbereiche (Herz-Kreislauf-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen; Immunologie; Neurologie; Onkologie). Roche forscht ebenfalls in diesen Gebieten. Anders als Novartis will Roche aber Fuss fassen bei den sogenannten Abnehmpräparaten. Allerdings gibt es noch kein fertiges Medikament. Roche will in diesem Bereich aber in Zukunft zu den grössten Anbietern aufsteigen, nach der US-Firma Eli Lilly und der dänischen Novo Nordisk. Novartis fokussiert ausschliesslich auf Medikamente, Roche hat eine Diagnostik-Sparte (Tests wie Corona-Tests).

Der Roche-Turm
Legende: Roche prägt mit seiner Architektur und seinen zahlreichen Aufwendungen für Kultur und Sport das Basler Stadtgeschehen. Keystone/ANTHONY ANEX

Die Zukunft: Beide Pharmakonzerne stehen unter ständigem Druck, neue Medikamente zu lancieren, um auslaufende Patente zu kompensieren. Bei Novartis akzentuiert sich die Situation in diesem Jahr aber besonders: In den kommenden Monaten laufen so viele Patente aus wie nie zuvor in der Unternehmensgeschichte. Auch die Preisreduktionen in den USA haben einen Einfluss. Gemäss dem Novartis-Chef ist der Effekt der Preisreduktionen in diesem Jahr aber noch gering und im Umsatzwachstum von fünf bis sechs Prozent durchschnittlich bis im Jahr 2030 berücksichtigt. Längerfristig könnten aber andere und zahlreichere Medikamente betroffen sein. Prognosen gibt es derzeit nicht. Auch Roche ortet längerfristig die Gefahr von Umsatzeinbussen.

«Die Schweiz ist immer noch attraktivster Standort»

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Der Konzernchef Vas Narasimhan im Portrait
Legende: Novartis-Konzernchef Vas Narasimhan ist zuversichtlich, dass pragmatische Lösungen gefunden werden. Keystone/ GIAN EHRENZELLER

AWP*: Welche Rolle spielt die Schweiz in puncto Forschung und Produktion?

Vas Narasimhan (folgend mit VN abgekürzt): Rund die Hälfte unserer Investitionen in Forschung und Entwicklung erfolgt in der Schweiz. Das liegt an der Offenheit für internationale Talente, stabilen Rahmenbedingungen und starker staatlicher Unterstützung. Innerhalb Europas ist die Schweiz aktuell der attraktivste Standort für Forschung und Produktion.

AWP: Dennoch gab es gerade in den letzten Wochen und Monaten eine anhaltende Diskussion um das Thema Preispolitik. Dabei haben Sie in einem offenen Brief höhere Medikamentenpreise in der EU gefordert. Was genau müsste sich ändern?

VN: Das Kernproblem ist, dass Innovationen in unserer Branche überwiegend durch die USA finanziert werden, während die Preisdifferenz zu Europa immer grösser geworden ist. Das wollen wir wieder angleichen.

AWP: Was schlage Sie vor?

VN: Im Grunde bräuchte es drei Dinge. Erstens eine fairere Bewertung neuer Medikamente – aktuell werden sie in Europa oft mit sehr alten Vergleichspräparaten gemessen. Dann höhere Budgets für innovative Therapien – diese liegen in Europa auf BIP-Basis nur etwa halb so hoch wie in den USA.

AWP: Und Drittens?

VN: Eine innovationsfreundlichere Politik, etwa indem Wachstum durch Innovation nicht wieder abgeschöpft wird. Wenn diese drei Punkte umgesetzt würden, könnten wir das innerhalb von drei bis fünf Jahren ausbalancieren. Gleichzeitig bleibt unser Ziel klar: Patienten sollen weiterhin Zugang zu unseren Medikamenten haben.

AWP: Würden Sie Medikamente vom Schweizer Markt fernhalten, wenn die Preise nicht stimmen?

VN: Das möchten wir vermeiden. Es könnte jedoch zu Verzögerungen bei Markteinführungen kommen oder zu alternativen Modellen. Wir stehen hierzu im Dialog mit der Schweizer Regierung.

AWP: Wie lautet also Ihre Botschaft an europäische und Schweizer Entscheidungsträger?

VN: Es geht um Prioritäten. Die Pharmaindustrie ist einer der stärksten Wirtschaftssektoren Europas – in Forschung, Produktion und Beschäftigung. Viele andere Industrien erhalten erhebliche staatliche Unterstützung. Ein Teil davon sollte in innovative Medikamente fliessen – das wäre eine sinnvolle politische Entscheidung.

AWP: Nochmals neuen Schwung hat diese ganze Diskussion ja durch US-Präsident Donald Trump erhalten. Sie haben dann im Dezember eine Vereinbarung mit der US-Regierung getroffen. Sind Sie nun gegen mögliche Zölle und Preispolitiken abgesichert?

VN: Ja. Wir haben bereits stark in Produktionskapazitäten in den USA investiert, sodass wir für den US-Markt auch vor Ort produzieren können. Zudem sind wir durch das sogenannte MFN-Abkommen für die nächsten drei Jahre von Zöllen befreit. Insgesamt erwarten wir daher keine nennenswerten Belastungen durch Zölle.

*AWP ist die Finanznachrichtenagentur der Schweiz

Die Dividenden: Die Dividende bei Novartis soll um 20 Rappen auf 3.70 Franken steigen. Bei Roche soll sie um 10 Rappen auf 9.80 Franken erhöht werden, sofern die Generalversammlung zustimmt. Beide Konzerne erhöhen die Dividende seit Jahren. Bei Novartis wäre es das 29. Mal in Folge.

Der Novartis-Campus in Basel
Legende: Der Novartis-Campus in Basel, den namhafte Architekten mitgestaltet haben. Im Bild das Gebäude von Star-Architekt Frank Gehry. Keystone/GAETAN BALLY

Die Unternehmens-Kulturen: Die Kulturen der Firmen sind unterschiedlich und haben mit der Besitzerstruktur zu tun. Hinter Roche stehen mehrheitlich immer noch die Erben der Gründerfamilien, während bei Novartis institutionelle Anleger das Sagen haben. Sichtbar werden die kulturelle Unterschiede auch an der Jahresmedienkonferenz: Novartis stellte sich dieses Jahr nur in einer halbstündigen Telefonkonferenz den Fragen von Medienschaffenden, Roche lädt traditionell halbjährlich persönlich vor Ort ein. Anwesend ist die gesamte Konzernleitung. Dieses Jahr machte der Roche-Chef wegen der Preisdiskussionen in den USA den Pharmastandort Schweiz zum Thema  und lobbyierte so für Roche und die Branche.

«MFN» – das Pharma-Branchenproblem

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US-Präsident Donald Trump setzt mit der «Most-Favoured-Nation»-Praxis ein neues Referenzmodell für Medikamentenpreise durch. Der tiefste Medikamenten-Preis eines ausgewählten Länderkorbs dient als Maximalpreis in den USA.

Die Pharmaindustrie fordert darum andere Preissetzungsmodelle in der Schweiz.

Der Umgang mit den USA: Bei Roche kommen mehr als die Hälfte der Medikamenten-Umsätze aus den USA. Auch Novartis macht fast die Hälfte des Umsatzes in den USA. Beide Konzerne investieren in den USA, um allfälligen Zöllen zu entgehen. Roche hat mit US-Präsident Donald Trump einen Vertrag ausgehandelt, dessen Details nicht veröffentlicht werden. Es geht um tiefere Medikamentenpreise, vor allem für neue Medikamente. Ohne diesen Vertrag hätte Roche in Basel Stellen abbauen müssen, wie der Konzernchef letzte Woche betonte. Ob die tieferen Preise in anderen Ländern kompensiert werden über höhere Preise ist Gegenstand politischer Diskussionen. Der Novartis-Chef gab sich vor Journalisten zuversichtlich, dass pragmatische Lösungen mit Regierungen gefunden würden. Die Interessen der beiden Firmen, so unterschiedlich sie auch auftreten, sind bezüglich Preisdiskussionen die gleichen.

Eine erfolgreiches Jahr

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Beide Konzerne haben im letzten Jahr deutlich mehr umgesetzt und verdient. Novartis hat im vergangenen Jahr den Umsatz um 8 Prozent auf rund 54.5 Milliarden Dollar gesteigert. Der Reingewinn legte 17 Prozent auf 14 Milliarden Dollar zu, der von Analysten beachtete Kernreingewinn um 11 Prozent auf 17.4 Milliarden Dollar. Roche weist das Ergebnis in Franken aus. Der Umsatz liegt bei 61.5 Mrd. Fr. (+2 Prozent, zu konstanten Kursen +7 Prozent). Der Reingewinn betrug 13.8 Milliarden. Franken. Im Vorjahr waren es 9.2 Milliarden Franken. Der von Analysten besonders beachtete operative Kerngewinn (Gewinn aus dem Kerngeschäft) legte um 5 Prozent auf 21.8 Milliarden Franken zu.

Rendez-vous, 4.2.2026, 12:30 Uhr

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