Ende März veröffentlichte der Handelsbeauftragte der USA, Jamieson Greer, die Nationale Handelsprognose. Der mehr als 500 Seiten lange Bericht beleuchtet den internationalen Handel der USA. Dabei werden die einzelnen Partnerländer aufgeführt und bestehende Handelshemmnisse benannt, mit denen die US-Exportwirtschaft konfrontiert ist. Fünf Seiten sind der Schweizer Wirtschaft gewidmet.
SRF News: In dem neuen Bericht des US-Handelsbeauftragten wird einmal mehr behauptet, die Schweiz betreibe unfaire Handelspraktiken. Inwiefern ist das so?
Hans Gersbach: Die Aussage, die Schweiz praktiziere unfaire Handelspraktiken, ist sicher eine Zuspitzung. Im Industriebereich ist die Schweiz sehr offen und grundsätzlich kein protektionistisches Land. Sie schützt die Landwirtschaft jedoch relativ stark.
Grundsätzlich haben die USA einen Punkt, dass sie nichttarifäre Handelshemmnisse aufbringen.
Was ist das konkrete Problem im Landwirtschaftsbereich?
Die Schweiz schützt ihren Wirtschaftsbereich relativ stark und sicher auch stärker als andere Länder durch Zölle, Importkontingente und zahlreiche Standards, die erfüllt sein müssen. Dies stösst natürlich bei den USA, die ein Agrarexportland sind, auf Widerstand.
Die USA kritisieren überwiegend nichttarifäre Handelshemmnisse. Würden Sie sagen, dass die USA hier einen Punkt haben?
Grundsätzlich haben sie einen Punkt, dass sie nichttarifäre Handelshemmnisse aufbringen. Dass sie im Agrarsektor eine weitere Öffnung wollen, kann man aus ihrer Sicht verstehen. Auf der anderen Seite hat die Schweiz auch das Recht, diese weiterzuführen, wenn sie WTO-konform sind und nicht übermässig restriktiv in der Anwendung sind.
Handelt es sich beim Gentechnik-Moratorium der Schweiz auch um ein nichttarifäres Handelshemmnis?
Das Gentechnik-Moratorium ist eindeutig ein nichttarifäres Handelshemmnis. Hier stellt sich erneut die entscheidende Frage: Ist es mit den WTO-Regeln konform? Dies ist der Fall, wenn es wissenschaftlich abgestützt, verhältnismässig und nicht diskriminierend ist. Beim Gentechnik-Moratorium gibt es jedoch je nach Land unterschiedliche Ansichten, weshalb wir uns hier sicher in der Grauzone des WTO-Bereichs befinden.
Wie sieht es bei der «Lex Netflix» aus?
Die «Lex Netflix» ist auch ein nichttarifäres Handelshemmnis. Es ist jedoch kulturpolitisch begründet und weitverbreitet. Folglich stellt es sicher kein Problem dar.
Betrachten wir den Bericht als Ganzes: Sehen Sie eine gewisse Verwundbarkeit der Schweiz? Muss sie gewisse Gesetze ändern?
Der Druck, sich hier anzupassen, ist sicher hoch, besonders in der Landwirtschaft. Normalerweise würde man jetzt sagen, dass es solche Fälle schon früher gegeben hat. Es gab WTO-Klagen in der Landwirtschaft und beim Gentechnik-Moratorium. Man könnte also sagen, dass sich diese Situation relativ einfach lösen lässt.
Allerdings befinden wir uns aktuell in grossen Verhandlungen über Zölle, Handelsabkommen und den gesamten Handel mit den USA, der grössten Wirtschaftsmacht. Das heisst, diese Druckmöglichkeit wird jetzt sicher eine Rolle spielen.
Das Interview führte Marco Schnurrenberger.