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Nach Rückruf von Milchpulver Gift in Babymilch: Behörden erheben keine Daten über Betroffene

In der Schweiz wird von den zuständigen Behörden nicht systematisch erfasst, wie viele Kinder verunreinigtes Milchpulver konsumiert haben und wie viele krank geworden sind – im Unterschied zu Ländern wie Frankreich und Belgien.

Mehrere Unternehmen wie Nestlé, Hochdorf Swiss Nutrition und Danone haben Dosen von Milchpulver zurückgerufen. Der Grund: die Verunreinigung dieser Produkte für Babys durch ein Toxin: Cereulid, das Durchfall und Erbrechen verursachen kann.

Nestlé schlug zuerst Alarm. Der Konzern entdeckte das Toxin in seinem Milchpulver und fand auch dessen Ursprung: ein Öl, das von einem chinesischen Subunternehmer produziert worden war. Dieser belieferte eine Vielzahl grosser Marken. Im Januar erfolgten in der Schweiz die ersten Rückrufe potenziell problematischer Produkte.

Die Einschätzung einer Konsumentenschützerin:

Im Februar verspricht Michael Beer, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), eine Untersuchung. Falls Unternehmen zu spät reagiert hätten oder ihren Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen seien, müssten sie mit Bussen und strafrechtlicher Verfolgung rechnen, sagte er gemäss Medienberichten.

Keine Meldepflicht bei kranken Babys

Das Problem: In der Schweiz gibt es bezüglich Cereulid keine Meldepflicht. Nach Informationen des Westschweizer Radios und Fernsehens (RTS) hat das Spital des Kantons Jura Säuglinge mit Durchfall aufgenommen. Das Pflegepersonal stellte fest, dass diese Babys potenziell verunreinigte Milch konsumiert hatten, meldete dies aber nicht.

Ein Löffel mit Milchpulver vor einem leeren Schoppen.
Legende: Nach der grossen Rückrufaktion für verunreinigtes Babymilchpulver bleibt ungewiss, wie gross das Ausmass des Schadens ist. KEYSTONE/Gian Ehrenzeller

Das BLV hat nur von 34 Fällen im ganzen Land Kenntnis erhalten, wovon 29 von Eltern aus eigenem Antrieb gemeldet wurden. Es ist also fast zufällig, dass die Behörden von Symptomen Kenntnis erhalten haben. Nur fünf Fälle wurden von Gesundheitsfachleuten oder kantonalen Behörden gemeldet.

Nach diesen Meldungen hat das BLV die Produkte bei den Familien eingesammelt, die die Milchpulverdosen aufbewahrt hatten. Das Amt erhielt so 23 Dosen aus der ganzen Schweiz. Möglicherweise waren es nicht mehr, weil die Eltern aufgefordert worden waren, die vom Rückruf betroffenen Milchprodukte in die Geschäfte zurückzubringen.

Bisher wurden zwölf der Dosen analysiert. Acht von ihnen (alle Aptamil-Milchprodukte von Danone) erwiesen sich als Cereulid-haltig, wobei zwei den Wert überschritten, der von der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit festgelegt worden ist.

Stuhlanalysen nur bei schweren Fällen

Dennoch hat die Schweiz keine Analysen des Stuhls erkrankter Babys durchgeführt, im Gegensatz zu Frankreich oder Belgien. Diese Tatsache könnte zur Folge haben, dass es sehr kompliziert sein wird, einen kausalen Zusammenhang zwischen Symptomen und einem verunreinigten Produkt zu beweisen.

In der Schweiz hat das BLV die Aufgabe, die Produktsicherheit zu überwachen. Es hat daher die Analyse der Milchproben geleitet. Stuhlanalysen würden hingegen in die Kompetenz des Bundesamts für Gesundheit (BAG) fallen.

Das BAG hat aber die Situation nicht als so gravierend beurteilt, dass solche Untersuchungen erforderlich wären. Laut einer mit dem Dossier vertrauten Quelle sah man dies als Lebensmittelvergiftung, mit relativ harmlosen und zeitlich begrenzten Symptomen. In einem Schreiben vom Februar informierte das BAG die Kantonsärztinnen und -ärzte über die Möglichkeit, den Stuhl untersuchen zu lassen. Es empfahl aber, das nur bei schweren Fällen zu tun, das heisst bei Babys auf der Intensivstation.

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RTS, Forum, 26.3.2026, 18:02 Uhr; herb

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