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Tragödie von Kerzers Und plötzlich endet das Leben in einem brennenden Bus

Ein offenbar psychisch verwirrter Mann steigt in einen Bus und zündet sich an. Dabei sterben sechs Menschen, fünf weitere werden verletzt. Die Tat lässt viele ratlos zurück. Und man kann sich fragen: Gibt es Ereignisse im Leben, die wir schlicht nicht verhindern können? Der Philosoph Wilhelm Schmid über das Ausgeliefertsein in der modernen Welt.

Wilhelm Schmid

Philosoph

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Wilhelm Schmid ist ein deutscher Philosoph, Sachbuchautor und Publizist mit dem Schwerpunkt Lebenskunst.

SRF News: Zeigen uns solche Ereignisse die Grenzen des menschlich Kontrollierbaren auf?

Wilhelm Schmid: Wir leben in moderner Zeit. Die Menschen kamen in den letzten zweihundert Jahren zur Überzeugung, dass sie alles beherrschbar machen können. Tatsächlich ist viel mehr beherrschbar als jemals zuvor. Dadurch ziehen die Menschen gerne den Schluss, dass das totalisiert werden kann; es also nichts mehr gibt, das sich unserer Beherrschung entzieht.

Das Zerstörerische ist genau so ein Element des Lebens und der Welt wie das Konstruktive.

Das ist ein Irrtum. Das wird durch ein tragisches Ereignis wie in Kerzers deutlich, aber auch unabhängig davon. Schon im Privaten lässt sich nicht alles beherrschen, zum Beispiel, wenn eine Krankheit über einen hereinbricht. Auch in der Gesellschaft und in der grossen Politik lässt sich nicht alles kontrollieren, wie wir gerade erfahren. Das Böse gibt es immer, und ich meine das nicht moralisch. Das Zerstörerische ist genau so ein Element des Lebens und der Welt wie das Konstruktive.

Warum fällt es der Gesellschaft so schwer zu akzeptieren, dass manche Risiken nicht vollständig beherrschbar sind?

Weil wir daran gewöhnt sind, dass alles machbar ist. Wir können alles bestellen und es wird so geliefert, wie wir es uns vorgestellt haben. Im Leben und in der Welt können wir aber noch so sehr die idealen Verhältnisse bestellen – sie werden trotzdem nicht geliefert. Hier gibt es kein Amazon.

Welche Rolle spielen der Zufall, die Willkür, im menschlichen Leben?

Eine sehr grosse. Das kann jeder Mensch an seinem eigenen Leben betrachten. Ist der Mensch, mit dem wir glücklicherweise leben dürfen, planvoll ausgesucht worden oder spielte da der Zufall eine Rolle? Wurde unsere berufliche Tätigkeit von vornherein planmässig so ausgesucht und realisiert?

Stellen wir uns einmal vor, wir könnten alles planen, alles durchschauen und alles würde eintreffen. Wäre das noch Leben?

In diesen Dingen können günstige Zufälle eine Rolle gespielt haben – aber auch ungünstige. Dazu bekennen wir uns nur ungern. Wir verstehen unter Glück, was uns gefällt und guttut. Zum Glück gehört aber immer auch das Zufallsglück. Und auf dieses haben wir nur ganz bedingt Einfluss.

Viele Menschen sprechen bei tragischen Ereignissen von Schicksal. Ist das philosophisch betrachtet eine sinnvolle Kategorie oder eher der Versuch, dem Zufall einen Sinn zu geben?

Es ist auf jeden Fall eine sinnvolle Kategorie. Schicksal ist ein Verlegenheitsbegriff – wir wissen nichts darüber. Schicksal würde voraussetzen, dass uns jemand etwas «schickt». Das mag sein, wir wissen es aber nicht. Es kann sich um blanken Zufall handeln oder es kann eine Absicht dahinterstehen – von wem oder was auch immer. Zufälle fallen uns zu.

Begriffe wie Schicksal und Zufall haben Menschen geschaffen, die vor uns da waren. Sie stehen für etwas, das wir nicht richtig fassen und niemals auflösen können. Wir werden niemals durchschauen, was im Hintergrund läuft oder eben nicht läuft. Das ist meiner Meinung nach auch nicht schlimm. Stellen wir uns einmal vor, wir könnten alles planen, alles durchschauen und alles würde eintreffen. Wäre das noch Leben?

Das Gespräch führte Nico Bär.

SRF 4 News, 12.03.2026, 6:44 Uhr ; 

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