Ein Jahr nach dem Bergsturz von Blatten beschäftigt die Katastrophe die lokale Bevölkerung weiter. Die Notfallpsychologin Claudia Brantschen war unmittelbar nach dem Ereignis vor Ort und hat seither zahlreiche Menschen begleitet. Sie erklärt, welche psychologischen Spuren der Verlust der Heimat hinterlässt.
SRF News: Am 28. Mai jährt sich der Bergsturz erstmals. Wie geht es den Menschen aus Blatten heute?
Claudia Brantschen: Sehr unterschiedlich. Wir haben über das ganze Jahr hinweg viele Anfragen erhalten. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem man sagen kann: Jetzt ist es am schwierigsten. Die Verarbeitung verläuft sehr individuell und in Wellen.
Wer hat sich psychologische Unterstützung geholt?
Es gab und gibt Anfragen aus allen Personengruppen, geschlechter- und generationenübergreifend. Kinder, Eltern, ältere Menschen. Manche meldeten sich früh, andere erst später. Auch Personen, die erst keine psychologische Unterstützung beanspruchen wollten, haben sich später gemeldet.
Wie erklären Sie sich das?
Direkt nach dem Ereignis geht es ums Funktionieren: organisieren, entscheiden, weitermachen. Die emotionale Verarbeitung braucht oft etwas Abstand. Erst wenn wieder etwas Ruhe einkehrt, tauchen Fragen auf wie: Welche Spuren hinterlässt das bei mir?
Sie wurden direkt nach dem Bergsturz aufgeboten. Was passiert psychologisch in den ersten Stunden nach einer solchen Katastrophe?
Zuerst herrscht Fassungslosigkeit. Die Dimension ist für Betroffene kaum zu begreifen. Gleichzeitig schwanken die Gefühle stark zwischen Angst, Trauer oder auch Erleichterung, dass das Dorf evakuiert wurde. Die Reaktionen können sehr intensiv sein. Aber es ist normal, dass auf ein heftiges Ereignis eine heftige Reaktion folgt.
Ein Bergsturz zerstört das historische Dorf Blatten
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Bild 1 von 7. Innert Sekunden begraben die Geröllmassen das Lötschental. Das ganze Ausmass ist wegen der Staubwolke zuerst kaum sichtbar. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 7. Am 28. Mai 2025 verschüttete ein gigantischer Bergsturz das Dorf Blatten im Lötschental. Bildquelle: Keystone / Michael Buhholzer.
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Bild 3 von 7. Riesige Geröllmassen begruben das ganze Dorf unter sich. Bildquelle: Keystone / Jean-Christophe Bott.
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Bild 4 von 7. Nur wenige Häuser blieben von Blatten übrig. Schon bald verschluckte sie jedoch ein See, der durch den Schuttkegel aufgestaut wurde. Bildquelle: Keystone / Jean-Christophe Bott.
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Bild 5 von 7. Wo früher ein Dorf war, bleiben nur noch Trümmer. Bildquelle: Keystone / Jean-Christophe Bott.
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Bild 6 von 7. Mehrere hundert Menschen verloren ihr Hab und Gut. Bildquelle: Keystone / Jean-Christophe Bott.
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Bild 7 von 7. Die Zukunft des Lötschentals ist nach dem Bergsturz ungewiss. Bildquelle: Keystone / Michael Buholzer.
Sie sprechen bewusst von einer Reaktion, nicht von Symptomen. Warum?
Weil es keine Krankheit ist. Es ist ein gesunder Versuch von Körper und Psyche, mit einer extremen Situation umzugehen. Auch Weinen, Grübeln, Schlafschwierigkeiten oder starke Träume gehören dazu.
Im SRF-Podcast «Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat» erzählen Betroffene von ihren Träumen, in denen sie nach Blatten zurückkehren oder ein nächster Bergsturz das Dorf zerstört. Was zeigen solche Träume?
Sie können ein Versuch der Psyche sein, das Erlebte zu verarbeiten und zu ordnen. Ich habe in Gesprächen auch von Träumen gehört, in denen es um Verlust, Angst oder Sehnsucht geht. Solche Träume sind eine normale Reaktion und können ein Zeichen dafür sein, dass die Verarbeitung im Gange ist.
Der Austausch mit vertrauten Menschen hilft, das Erlebte einzuordnen.
Was verlieren Menschen bei einem solchen Ereignis?
Weit mehr als ihr Zuhause. Sie verlieren Sicherheit, Orientierung und vieles, was Identität ausmacht: Erinnerungen, Gemeinschaft, Kulturgüter, vertraute Orte. Viele beschreiben den Bergsturz als Einschnitt in ihrer Lebenslinie.
Was hilft in dieser Situation?
Soziale Beziehungen. Der Austausch mit vertrauten Menschen hilft, das Erlebte einzuordnen. Ebenso wichtig ist es, wieder handlungsfähig zu werden und in eine gewisse Normalität, Struktur und in eine Form von Alltag zurückzufinden.
Wie lange wird dieser Bergsturz die Menschen aus Blatten noch beschäftigen?
Viele Blattnerinnen und Blattner wohl ein Leben lang. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass der Bergsturz lebenslang Leid verursacht. Entscheidend ist, ob es gelingt, das Ereignis in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Dann kann daraus auch etwas entstehen: neue Perspektiven, veränderte Prioritäten oder gar eine Form von innerer Stärke.
Das Gespräch führte Sabine Steiner.