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Bergsturz von Blatten «Auf ein heftiges Ereignis folgt eine heftige Reaktion»

Ein Jahr nach dem Bergsturz von Blatten beschäftigt die Katastrophe die lokale Bevölkerung weiter. Die Notfallpsychologin Claudia Brantschen war unmittelbar nach dem Ereignis vor Ort und hat seither zahlreiche Menschen begleitet. Sie erklärt, welche psychologischen Spuren der Verlust der Heimat hinterlässt.

Claudia Brantschen

Psychotherapeutin und Notfallpsychologin

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Claudia Brantschen ist Psychotherapeutin und Notfallpsychologin. Sie ist Teil des Milizdispositivs der Kantonalen Walliser Rettungsorganisation im Bereich Care und psychosoziale Nothilfe. In dieser Rolle wird sie bei belastenden Akutereignissen aufgeboten, um Betroffene zu stabilisieren. In ihrer eigenen Praxis arbeitet sie zudem als Kinder- und Jugendpsychologin und -psychotherapeutin und unterstützt Eltern in ihrem Familienalltag.

SRF News: Am 28. Mai jährt sich der Bergsturz erstmals. Wie geht es den Menschen aus Blatten heute?

Claudia Brantschen: Sehr unterschiedlich. Wir haben über das ganze Jahr hinweg viele Anfragen erhalten. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem man sagen kann: Jetzt ist es am schwierigsten. Die Verarbeitung verläuft sehr individuell und in Wellen.

Wer hat sich psychologische Unterstützung geholt?

Es gab und gibt Anfragen aus allen Personengruppen, geschlechter- und generationenübergreifend. Kinder, Eltern, ältere Menschen. Manche meldeten sich früh, andere erst später. Auch Personen, die erst keine psychologische Unterstützung beanspruchen wollten, haben sich später gemeldet.

Person in grünem Mantel schaut aus Holzhausfenster.
Legende: Im Oktober 2025 organisierte die Stiftung Blatten eine grosse Aufräumaktion. Über 70 Freiwillige waren im Einsatz, um Staub, Schlamm und andere Trümmer zu beseitigen, die die Häuser des Weilers Weissenried bedeckten. KEYSTONE / Jean-Christophe Bott

Wie erklären Sie sich das?

Direkt nach dem Ereignis geht es ums Funktionieren: organisieren, entscheiden, weitermachen. Die emotionale Verarbeitung braucht oft etwas Abstand. Erst wenn wieder etwas Ruhe einkehrt, tauchen Fragen auf wie: Welche Spuren hinterlässt das bei mir?

SRF-Podcastserie «Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat»

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Logo einer Podcast-Serie
Legende: «Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat» ist eine SRF-Podcastserie von News Plus Hintergründe.

Die vierteilige SRF-Podcastserie von «News Plus Hintergründe» erzählt, wie Blattnerinnen und Blattner den Verlust verarbeiten und was der Bergsturz mit ihnen gemacht hat. Die Serie landet bei persönlichen Fragen, die hoch politisch sind: Lässt sich Heimat wiederaufbauen – und wollen die Menschen überhaupt zurück? 

«Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat» erscheint unter srf.ch/audio, im Podcast-Feed von «News Plus Hintergründe» sowie auf den gängigen Podcast-Plattformen.

Sie wurden direkt nach dem Bergsturz aufgeboten. Was passiert psychologisch in den ersten Stunden nach einer solchen Katastrophe?

Zuerst herrscht Fassungslosigkeit. Die Dimension ist für Betroffene kaum zu begreifen. Gleichzeitig schwanken die Gefühle stark zwischen Angst, Trauer oder auch Erleichterung, dass das Dorf evakuiert wurde. Die Reaktionen können sehr intensiv sein. Aber es ist normal, dass auf ein heftiges Ereignis eine heftige Reaktion folgt.

Ein Bergsturz zerstört das historische Dorf Blatten

Sie sprechen bewusst von einer Reaktion, nicht von Symptomen. Warum?

Weil es keine Krankheit ist. Es ist ein gesunder Versuch von Körper und Psyche, mit einer extremen Situation umzugehen. Auch Weinen, Grübeln, Schlafschwierigkeiten oder starke Träume gehören dazu.

Im SRF-Podcast «Ade, Blatten – Ein Dorf verliert seine Heimat» erzählen Betroffene von ihren Träumen, in denen sie nach Blatten zurückkehren oder ein nächster Bergsturz das Dorf zerstört. Was zeigen solche Träume?

Sie können ein Versuch der Psyche sein, das Erlebte zu verarbeiten und zu ordnen. Ich habe in Gesprächen auch von Träumen gehört, in denen es um Verlust, Angst oder Sehnsucht geht. Solche Träume sind eine normale Reaktion und können ein Zeichen dafür sein, dass die Verarbeitung im Gange ist.

Der Austausch mit vertrauten Menschen hilft, das Erlebte einzuordnen.

Was verlieren Menschen bei einem solchen Ereignis?

Weit mehr als ihr Zuhause. Sie verlieren Sicherheit, Orientierung und vieles, was Identität ausmacht: Erinnerungen, Gemeinschaft, Kulturgüter, vertraute Orte. Viele beschreiben den Bergsturz als Einschnitt in ihrer Lebenslinie.

Solastalgie – wenn die Heimat verloren geht

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Für das Gefühl, die eigene Heimat zu verlieren, gibt es einen Fachbegriff: Solastalgie. Gemeint ist ein Schmerz, der sich anfühlt wie Heimweh – obwohl man nicht verreist ist. Aber das Zuhause wurde zerstört oder hat sich stark verändert.

Aufgrund von Kriegen und Katastrophen kam Heimatverlust zuletzt immer häufiger vor: Ende 2024 waren weltweit rund zehn Millionen Menschen alleine durch Naturkatastrophen vertrieben. Laut dem Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) sind diese Zahlen in den letzten Jahren deutlich gestiegen, auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Was hilft in dieser Situation?

Soziale Beziehungen. Der Austausch mit vertrauten Menschen hilft, das Erlebte einzuordnen. Ebenso wichtig ist es, wieder handlungsfähig zu werden und in eine gewisse Normalität, Struktur und in eine Form von Alltag zurückzufinden.

Wie lange wird dieser Bergsturz die Menschen aus Blatten noch beschäftigen?

Viele Blattnerinnen und Blattner wohl ein Leben lang. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass der Bergsturz lebenslang Leid verursacht. Entscheidend ist, ob es gelingt, das Ereignis in die eigene Lebensgeschichte zu integrieren. Dann kann daraus auch etwas entstehen: neue Perspektiven, veränderte Prioritäten oder gar eine Form von innerer Stärke.

Das Gespräch führte Sabine Steiner.

SRF 4 News, 5.5.2026, 6 Uhr ; 

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