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Experte zu Brandkatastrophen «Das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung ist im Moment tiefer»

Drei Monate nach Crans-Montana erschüttert der Postauto-Brand von Kerzers die Schweiz. Der Psychiatrie-Chefarzt Thomas Ihde erklärt, warum uns solche Ereignisse so tief treffen und was wir dagegen tun können.

Thomas Ihde

Psychiater

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Thomas Ihde ist Chefarzt der Psychiatrie an den Spitälern Frutigen, Meiringen und Interlaken.

SRF: Was kann ein Brand in einem Postauto in einem ruhigen Dorf auslösen?

Thomas Ihde: Das macht sehr viel mit der Bevölkerung. Menschen haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis. In der Schweiz sind wir privilegiert, wir haben eine hohe Sicherheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns an einem Tag etwas Gravierendes passiert, ist nicht sehr hoch. Das heisst aber auch, dass wir auf solche völligen Ausnahmeereignisse psychologisch relativ schlecht vorbereitet sind.

Die Katastrophe von Kerzers kommt kurz nach der Brandnacht von Crans-Montana. Was löst das aus?

Wir waren alle noch dabei, das Ereignis von Crans-Montana ein Stück weit zu verarbeiten. Nun wird diese Schreckreaktion reaktiviert. Es gibt eine Vermischung von zwei Geschichten, von denen die eine noch gar nicht abgeschlossen ist. Darum reagieren wir alle stärker, als wir es vielleicht nur auf dieses eine Ereignis getan hätten.

Kerzen und Blumen auf nasser Strasse bei Nacht.
Legende: Die Trauer sitzt tief: Am Ort des Postautobrandes gedenken die Menschen den Opfern mit Blumen. Keystone/CYRIL ZINGARO

Der mutmassliche Täter soll am Rand der Gesellschaft gelebt haben. Ist es auch eine Aufgabe der Gesellschaft, solche Katastrophen zu verhindern?

Ja, absolut. Randständigkeit und soziale Isolation haben zugenommen. Unsere Gesellschaft ist relativ eng geworden, und viele Leute fallen durch die Maschen des Hilfesystems.

Die Spannungen in der Gesellschaft verunsichern Menschen, die bereits in einer Krise sind, und verstärken diese.

Dabei bräuchte es oft wenig, um eine Krise zu verhindern: ein freundliches Wort, ein kurzer Anruf. Wenn ein Nachbar merkt, dass irgendwo seit Tagen kein Licht mehr brennt, und nachfragt – das sind die kleinen, aber entscheidenden Interventionen.

Merken Sie diese allgemeine Verunsicherung in Ihrer Arbeit als Psychiater?

Ja. Das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung ist im Moment tiefer. Wir merken eine Zunahme von Anmeldungen, aber auch von effektiven Notfallsituationen in der Psychiatrie.

Wir sind empfindlicher geworden, weil wir uns nicht mehr an solche Zustände gewöhnt haben.

Die Spannungen in der Gesellschaft verunsichern Menschen, die bereits in einer Krise sind, und verstärken diese. Aus einer mittleren Krise wird dann plötzlich eine grosse.

Was kann man konkret tun, um sich in diesen Zeiten zu stärken?

Man sollte sich überlegen: Was in meinem Leben ist kontrollierbar? Man kann zum Beispiel einen Spaziergang machen und sich dabei bewusst werden, dass man einen Grossteil seines Lebens unter Kontrolle hat. Diesen Spaziergang habe ich gewählt, diese Route laufe ich. Das dient als Gegengewicht zum Gefühl, dass überall alles passieren kann.

Frühere Generationen kannten den Kalten Krieg oder Tschernobyl. Sind wir empfindlicher geworden?

Wir sind empfindlicher geworden, weil wir uns nicht mehr an solche Zustände gewöhnt sind. Unser Land hat lange mit Hungersnöten gekämpft. Damals wussten die Menschen, dass sie weniger Kontrollmöglichkeiten haben und waren darauf vorbereitet. Sie hatten die mentalen Muskeln dafür trainiert. Wir haben das heute nicht mehr.

Das Gespräch führte David Karasek.

Tagesgespräch, 12.3.2026, 13:00 Uhr ; 

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