Ohne Frühfranzösisch sei der nationale Zusammenhalt in Gefahr, warnt der Bundesrat. Er will deshalb das Sprachengesetz verschärfen und schickt hierfür zwei Varianten in die Vernehmlassung. Der Bundesrat reagiert damit auf die Bestrebungen mehrerer Deutschschweizer Kantone, den Französischunterricht aus der Primarschule zu verbannen. Sprachwissenschaftsprofessor Raphael Berthelé ordnet ein.
SRF News: Der Bundesrat will die Kantone per Gesetz verpflichten, eine zweite Landessprache in der Primarschule zu unterrichten. Als Sprachwissenschaftler: Ein guter Tag für eine gelebte Mehrsprachigkeit in der Schweiz?
Raphael Berthelé: Natürlich habe ich als Sprachwissenschaftler immer Freude, wenn Sprachen fleissig gelernt und benutzt werden. Hier geht es aber primär um ein Kräftemessen zwischen Bund und Kantonen, und wir werden sehen, was das dann tatsächlich für die gelebte Mehrsprachigkeit in der Schweiz bedeutet.
Fremdsprachen sind etwas, das man in frühen Jahren erlernen kann.
Der Bundesrat ist überzeugt, dass ohne Frühfranzösisch in der Deutschschweiz oder Frühdeutsch in der Westschweiz der nationale Zusammenhalt leidet. Gibt es dazu Untersuchungen?
Wie sich Frühfranzösisch oder Frühdeutsch konkret auf den nationalen Zusammenhalt auswirken, ist schwierig zu untersuchen. Aber wir beobachten, dass es in einem mehrsprachigen Land für das Zusammenleben förderlich ist, wenn minimale Kompetenzen der jeweils anderen Sprachen vorhanden sind. Wann diese genau erlernt werden sollen, ist dann vorwiegend eine politische Frage.
Der Bundesrat schlägt nun zwei Varianten vor. Bei beiden soll der Unterricht der zweiten Landessprache bereits in der Primarschule beginnen. Gibt es neben den politischen auch pädagogische Gründe, die dafür sprechen?
Was sicher gilt: Fremdsprachen sind etwas, das man in frühen Jahren erlernen kann. Im Gegensatz vielleicht zu anderen Fächern, wie etwa Philosophie im strengeren Sinne. Es spricht also nichts explizit gegen frühe Sprach-Lern-Aktivitäten in Schulen. Die Forschung zur Frage, wann der richtige Zeitpunkt für Fremdsprachenunterricht ist, zeigt aber auch, dass es nicht unbedingt einen grossen Vorteil bringt, möglichst früh zu beginnen.
Manche Deutschschweizer Kantone argumentieren, die Kinder seien schlicht überfordert mit einer zusätzlichen Fremdsprache wie Französisch.
Das würde ich so nicht unterschreiben. Überfordert sind die Kinder vielleicht durch die Vielzahl der Dinge, die in der Schule unterrichtet werden. Aber das ist eine Frage der Priorität. Da könnte man genauso gut andere Fächer streichen oder in die Sekundarstufe I verschieben.
Bildungsministerin Elisabeth Baume-Schneider hält es für eine Illusion, dass allein in der Oberstufe eine neue Fremdsprache von Grund auf erlernt werden könne – dazu fehle schlicht die Zeit.
Es ist tatsächlich so, dass die wertvollste Ressource in der Schule – neben guten Lehrpersonen – die Zeit ist. Und die ist knapp: Es gibt einen Verteilkampf zwischen den Fächern. Wenn man also erst in der Sekundarstufe I mit dem Französischunterricht beginnt, wie das manche Kantone wollen, dann müsste man genügend Zeit dafür vorsehen, damit die Grundkompetenzen erreicht werden können.
Und wenn Frühfranzösisch oder Frühdeutsch in der Primarschule bleibt – was braucht es, damit sich der Unterricht verbessert?
Lehrpersonen, die Lust haben, das Fach zu unterrichten, bessere Lehrmittel. Und wenn immer möglich, direkten Kontakt mit den anderen Sprachregionen, etwa in Form eines Austauschs.
Das Gespräch führte Eliane Leiser.