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Rückkehr nach Erschöpfung Mattea Meyer: «Ich wusste nicht, ob ich zurückkomme»

Fünf Monate hat sich SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer wegen grosser Erschöpfung zurückgezogen. Nun ist sie zurück. Ein Gespräch über Verletzlichkeit im «Haifischbecken» Politik, über den Druck auf Mütter und die Lehren, die sie für sich gezogen hat.

Mattea Meyer

SP-Co-Präsidentin

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Mattea Meyer wurde 2015 in den Nationalrat gewählt. Zuvor war die Winterthurerin Gemeinde- und Kantonsrätin sowie Vizepräsidentin der Juso Schweiz. Seit Oktober 2020 steht sie zusammen mit Cédric Wermuth an der Spitze der SP Schweiz.

SRF News: Frau Meyer, nach fünf Monaten Pause sind Sie diese Woche in den Nationalrat zurückgekehrt. Wie fühlt sich das an?

Mattea Meyer: Es ist zuerst ein merkwürdiges, aber auch ein sehr schönes Gefühl. Ich habe die Menschen wirklich vermisst. Es fühlt sich richtig und gut an, wieder da zu sein.

Wie haben die Kolleginnen und Kollegen im Rat auf Ihre Rückkehr reagiert?

Es waren unglaublich schöne Reaktionen! Ich habe über die Parteigrenzen hinweg eine grosse Anteilnahme gespürt. Viele haben mir Mut gemacht und gesagt, es komme wieder gut.

Hatten Sie in den letzten Monaten Angst, dass es nicht wieder gut kommt?

Ja, und das waren die schwierigsten Momente. Als ich nicht sicher war, ob ich jemals wieder in die Politik zurückkomme. Ob ich wieder machen kann, was ich so liebe. Ich bin froh, dass ich das überwunden habe.

Sie haben Ihre Erschöpfung sehr offen kommuniziert. Hatten Sie Bedenken, diese Verletzlichkeit im politischen «Haifischbecken» zu zeigen?

Diese Frage hat mich beschäftigt. Aber ich finde es richtig, zu seiner Menschlichkeit zu stehen.

Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit und Fürsorge in der Politik.

Wir Politikerinnen und Politiker sind keine Übermenschen! Wir sind normale, verletzliche Menschen. Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit und Fürsorge in der Politik. Vielleicht führt das zu einer sanfteren, liebevolleren Politik, wenn wir ehrlich darüber reden, wie es uns geht.

Was waren die Gründe für Ihre Erschöpfung?

Das hat sicher auch mit meinem Charakter zu tun. Ich bin sehr zuverlässig, perfektionistisch und habe hohe Ansprüche an mich selbst. Aber es hat auch strukturelle Gründe. Ich bin überzeugt, dass junge Mütter nach wie vor anders beurteilt werden. Man kann es nie recht machen: Entweder arbeitet man zu viel und vernachlässigt die Kinder, oder man ist im Job zu wenig flexibel. Dieses ständige Gefühl, nicht zu genügen – im Job, als Mutter, im Freundeskreis –, das kennen ganz viele Menschen.

Die Belastung als Präsidentin einer Partei ist hoch. Die SP hat darum auch eine Co-Leitung eingeführt, sie führen die Partei zusammen mit Cédric Wermuth. Dennoch die Erschöpfung. Heisst das, das Modell hat versagt?

Nein, im Gegenteil. Ohne dieses Modell hätte ich die Notbremse wohl viel früher ziehen müssen oder wäre ganz aus der Politik ausgestiegen. Das Co-Präsidium hat mir erlaubt, mich fallen zu lassen. Ich konnte loslassen und einen Schritt zurücktreten, weil ich wusste, dass Cédric Wermuth und das Team die Arbeit weiterführen.

Ich habe gelernt, zu priorisieren und Arbeit abzugeben.

Das Risiko einer erneuten Erschöpfung besteht. Was machen Sie heute anders?

Ich habe wieder Romane für mich entdeckt, anstatt abends am Handy zu scrollen. Ich nehme bewusst einen Zug früher, um mich stressfrei auf Sitzungen vorzubereiten. Und habe gelernt, zu priorisieren und Arbeit abzugeben. Meine Arbeit mache ich weiterhin mit grosser Leidenschaft, aber mit einer grösseren Fürsorge mir selbst gegenüber und einem besseren Bewusstsein für körperliche Symptome.

Was raten Sie Menschen, die heute dort stehen, wo Sie vor fünf Monaten waren?

Es kommt wieder gut. Aber es braucht Zeit, Ruhe und Geduld. Ich habe es auch dank einer Therapeutin geschafft, diese Zeit zu überstehen. Ich wünsche allen Betroffenen den Mut, sich diese Zeit zu nehmen und sich begleiten zu lassen.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Tagesgespräch, 29.4.2026, 13 Uhr ; 

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