Wenn die Welt dauernd zu viel ist, hilft Weltflucht – oder hübscher formuliert: Eskapismus. Das heisst nicht auswandern, sondern bloss innerlich zu kündigen: sich nicht mehr um Krieg, Klima, KI, Social Media, Wasserknappheit, Hitzesommer oder die Strasse von Hormus zu kümmern. Stattdessen steht die eigene, kleine Welt im Mittelpunkt. Geranien pflegen statt Nachrichten schauen, Sauerteigbrot backen statt Schlagzeilen lesen – schon weiss man nicht mehr, was Putin tut und ob Trump noch Präsident ist oder schon Papst.
Gaza klingt für mich nun nach einem sterilen Medizinprodukt, die Krim nach einer Tomate.
Genau das probiere ich aus. Ich frage mich nur noch: Was esse ich, wohin spaziere ich, welchen Film schaue ich heute Abend? Alles ausserhalb meines kleinen Universums verschwindet. Gaza klingt für mich nun nach einem sterilen Medizinprodukt, die Krim nach einer Tomate, und bei Afghan denke ich nicht an Asylpolitik, sondern an etwas zum Rauchen.
Das wirkt erst einmal asozial. Aber eigentlich ist es sehr schweizerisch. Als der Iran-Krieg ausbrach, galt die grösste Aufmerksamkeit nicht den Toten oder der instabilen Weltlage, sondern SRF-Moderator Stefan Büsser, der in Abu Dhabi feststeckte. Fast hätte die Schweiz Altbundesrat Merz reaktiviert, um wenigstens Büssis Koffer nach Hause zu holen. So eine Kofferrückführung hat ja schon damals in der Libyen-Affäre herausragend funktioniert.
Die Petition gegen den Verkauf von Knorr ins Ausland ist Landesverteidigung in Gewürzpulverform!
Kaum war Büsser zurück, konnten wir uns wieder um die eigentlichen Tragödien dieses Krieges kümmern: Benzinpreis, teureres Kerosin, längere Flüge nach Thailand und verspätete Päckli aus China. Ein Skandal!
Noch schöner zeigt sich der helvetische Eskapismus beim Aromat. Der Präsident der USA fährt die Weltwirtschaft an die Wand, zettelt Kriege an – und wir in der Schweiz sorgen uns ernsthaft darum, dass Knorr vielleicht ins Ausland verkauft wird. Sofort gab es eine Petition – das ist Landesverteidigung in Gewürzpulverform!
Eskapismus ist keine private Macke, sondern ein politisches Erfolgsmodell.
Auch innenpolitisch funktioniert Weltflucht blendend: Zürich streitet seit Wochen über eine Velospur und ein stadtweites Werbeverbot. Bern verliert die Nerven beim Autobahnanschluss Wankdorf. Und im beschaulichen Meiringen überhitzen die Gemüter wegen des Fluglärms der F-35. Selbst bei der Landesverteidigung interessiert uns bloss, ob ein Grenzwert überschritten wird.
Eskapismus ist also keine private Macke, sondern ein politisches Erfolgsmodell. Zwischen Iran, Ukraine, Wankdorf und Zürcher Velowegen pflegt die Schweiz ihre grosse Stärke: Verdrängung mit Präzision.