Die Diskussionen rund um die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» haben gezeigt: Viele Menschen in der Schweiz sind wachstumsmüde. Die Initiative ist abgelehnt, die Wachstumsfrage bleibt. Doch ist Wohlstand ohne Wachstum möglich? Die Ökonomin Irmi Seidl und der Ökonom Aymo Brunetti äussern sich zu dieser Frage.
SRF: Frau Seidl, Herr Brunetti, wie haben Sie die Diskussionen rund um die Abstimmung wahrgenommen?
Irmi Seidl: Ich hatte den Eindruck, dass sogenannte «Wachstumsschmerzen» wie Wohnungsnot und Dichtestress im Vordergrund standen. Wenig diskutiert wurde, wie wirtschaftliches Wachstum entsteht und was uns das mittelfristig kostet.
Aymo Brunetti: Die Wirtschaft ist sehr dynamisch und darum wandern viele Menschen ein. Das spüren die Leute. Aber dass sie gegen Wachstum sind, glaube ich nicht.
Dauerhaftes Wachstum ist in einer begrenzten Welt nicht möglich.
Sollte die Schweiz weniger stark wachsen als bisher?
Aymo Brunetti: Nein, ein Wachstum zwischen 1 und 2 Prozent hat sich als gesund erwiesen. Man unterschätzt oft, welch gute Ausgangslage eine dynamisch wachsende Wirtschaft darstellt: Wachstumsgewinne kann der Staat umverteilen, ohne jemandem etwas wegzunehmen.
Irmi Seidl: Dauerhaftes Wachstum ist in einer begrenzten Welt nicht möglich. Aktuell sind aber unsere Sozialwerke und die Steuereinnahmen auf Wachstum angewiesen. Davon müssen wir uns lösen. Ein Beispiel: Die AHV kann nicht dauerhaft über immer mehr Arbeitnehmende in den schwarzen Zahlen gehalten werden, sondern muss auch mit einer stabilen oder abnehmenden Zahl Arbeitnehmenden die Renten sichern.
Wäre es möglich, den Staatshaushalt und die Sozialwerke vom Wachstum zu entkoppeln?
Irmi Seidl: Wir könnten den Ressourcenverbrauch und Erbschaften stärker besteuern, und dafür die Erwerbsarbeit weniger belasten. Neue Einnahmen könnten in die AHV und andere Sozialwerke fliessen oder auch Bund und Kantone mitfinanzieren. Ansätze dazu sind wissenschaftlich untermauert.
Grundsätzlich werden ohne Wachstum die Verteilkämpfe härter.
Aymo Brunetti: Egal, wo Sie Steuern erheben, Sie besteuern die aktuelle oder vergangene Wirtschaftsleistung. Künftig werden wir mehr Einnahmen brauchen, um die Kosten der alternden Bevölkerung aufzufangen. Ohne Wachstum ist das kaum möglich. Dann müssen wir die sozialen Leistungen zurückfahren.
Was passiert, wenn die Wirtschaft weder wächst noch schrumpft?
Irmi Seidl: In den 90ern hat die Schweizer Wirtschaft stagniert, das hat zu mehr Arbeitslosigkeit geführt. Heute ist das anders: Aufgrund des demografischen Wandels gibt es zunehmend weniger Erwerbstätige. Zugleich dürften wir wegen der digitalen Revolution weniger Erwerbstätige benötigen. Wenn es tatsächlich zu wenig Erwerbsarbeit gibt, könnten wir die Arbeitszeiten reduzieren, das wäre ein Wohlstandsgewinn.
Aymo Brunetti: Grundsätzlich werden ohne Wachstum die Verteilkämpfe härter. Und damit verlieren gerade ökologische Anliegen an Bedeutung für die Bevölkerung. Aber Nullwachstum ist sehr unwahrscheinlich, weil durch den technologischen Fortschritt die Produktivität steigt und damit laufend ein gewisses Wachstum entsteht.
Macht uns Wachstum glücklicher?
Irmi Seidl: Nein, in wohlhabenden Gesellschaften wie der Schweiz korrelieren Wohlstand und Wachstum nicht mehr: Der Wohlstand sinkt trotz Wachstum.
Aymo Brunetti: Die Menschen werden nicht automatisch glücklicher, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt, aber mit Sicherheit unglücklicher, wenn es sinkt.
Das Gespräch führte Nora Meuli.