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Diskussion um Wachstum Wachstumsschmerzen: Luxusproblem oder Wohlstandsverlust?

Die Diskussionen rund um die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» haben gezeigt: Viele Menschen in der Schweiz sind wachstumsmüde. Die Initiative ist abgelehnt, die Wachstumsfrage bleibt. Doch ist Wohlstand ohne Wachstum möglich? Die Ökonomin Irmi Seidl und der Ökonom Aymo Brunetti äussern sich zu dieser Frage.

Irmi Seidl

Ökonomin

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Die Ökonomin Irmi Seidl leitet die Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft.

Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem Umweltökonomische Instrumente und die Postwachstumsgesellschaft.

Aymo Brunetti

Ökonom

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Aymo Brunetti ist seit 2012 Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Bern, der Ökonom forscht unter anderem zu Wachstumsfragen. Früher war er Leiter Wirtschaftspolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

SRF: Frau Seidl, Herr Brunetti, wie haben Sie die Diskussionen rund um die Abstimmung wahrgenommen?

Irmi Seidl: Ich hatte den Eindruck, dass sogenannte «Wachstumsschmerzen» wie Wohnungsnot und Dichtestress im Vordergrund standen. Wenig diskutiert wurde, wie wirtschaftliches Wachstum entsteht und was uns das mittelfristig kostet.

Aymo Brunetti: Die Wirtschaft ist sehr dynamisch und darum wandern viele Menschen ein. Das spüren die Leute. Aber dass sie gegen Wachstum sind, glaube ich nicht.

Dauerhaftes Wachstum ist in einer begrenzten Welt nicht möglich.
Autor: Irmi Seidel Ökonomin

Sollte die Schweiz weniger stark wachsen als bisher?

Aymo Brunetti: Nein, ein Wachstum zwischen 1 und 2 Prozent hat sich als gesund erwiesen. Man unterschätzt oft, welch gute Ausgangslage eine dynamisch wachsende Wirtschaft darstellt: Wachstumsgewinne kann der Staat umverteilen, ohne jemandem etwas wegzunehmen.

Irmi Seidl: Dauerhaftes Wachstum ist in einer begrenzten Welt nicht möglich. Aktuell sind aber unsere Sozialwerke und die Steuereinnahmen auf Wachstum angewiesen. Davon müssen wir uns lösen. Ein Beispiel: Die AHV kann nicht dauerhaft über immer mehr Arbeitnehmende in den schwarzen Zahlen gehalten werden, sondern muss auch mit einer stabilen oder abnehmenden Zahl Arbeitnehmenden die Renten sichern.

Wäre es möglich, den Staatshaushalt und die Sozialwerke vom Wachstum zu entkoppeln?

Irmi Seidl: Wir könnten den Ressourcenverbrauch und Erbschaften stärker besteuern, und dafür die Erwerbsarbeit weniger belasten. Neue Einnahmen könnten in die AHV und andere Sozialwerke fliessen oder auch Bund und Kantone mitfinanzieren. Ansätze dazu sind wissenschaftlich untermauert.

Grundsätzlich werden ohne Wachstum die Verteilkämpfe härter.
Autor: Aymo Brunetti Ökonom

Aymo Brunetti: Egal, wo Sie Steuern erheben, Sie besteuern die aktuelle oder vergangene Wirtschaftsleistung. Künftig werden wir mehr Einnahmen brauchen, um die Kosten der alternden Bevölkerung aufzufangen. Ohne Wachstum ist das kaum möglich. Dann müssen wir die sozialen Leistungen zurückfahren.

Die Diskussion um Ressourcensteuern

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Steuern auf die Nutzung knapper Ressourcen sollen zugleich einen Anreiz schaffen, weniger Ressourcen zu verbrauchen und Einkommen umzuverteilen: von denjenigen, die viel verbrauchen, zu jenen, die wenig konsumieren.

In der Postwachstumsbewegung gilt diese Art von Besteuerung als Massnahme, um von materialistischen Werten hin zu einer effizienten und suffizienten Gesellschaft zu gelangen.

Kritiker monieren, dass Umweltsteuern, wie zum Beispiel eine Treibstoffsteuer, gerade für einkommensschwächere Haushalte sehr belastend seien, weil sie zum Teil aufs Auto angewiesen seien.

Ein weiteres Problem ist, dass die Einnahmen des Staates schwinden, wenn weniger verbraucht wird. Das System kann aber natürlich den Entwicklungen beim Ressourcenverbrauch angepasst werden: In der Schweiz hat das Parlament kürzlich beschlossen, dass auch Elektroautos Verkehrsabgaben bezahlen müssen.

Was passiert, wenn die Wirtschaft weder wächst noch schrumpft?

Irmi Seidl: In den 90ern hat die Schweizer Wirtschaft stagniert, das hat zu mehr Arbeitslosigkeit geführt. Heute ist das anders: Aufgrund des demografischen Wandels gibt es zunehmend weniger Erwerbstätige. Zugleich dürften wir wegen der digitalen Revolution weniger Erwerbstätige benötigen. Wenn es tatsächlich zu wenig Erwerbsarbeit gibt, könnten wir die Arbeitszeiten reduzieren, das wäre ein Wohlstandsgewinn.

Aymo Brunetti: Grundsätzlich werden ohne Wachstum die Verteilkämpfe härter. Und damit verlieren gerade ökologische Anliegen an Bedeutung für die Bevölkerung. Aber Nullwachstum ist sehr unwahrscheinlich, weil durch den technologischen Fortschritt die Produktivität steigt und damit laufend ein gewisses Wachstum entsteht.

Macht uns Wachstum glücklicher?

Irmi Seidl: Nein, in wohlhabenden Gesellschaften wie der Schweiz korrelieren Wohlstand und Wachstum nicht mehr: Der Wohlstand sinkt trotz Wachstum.

Aymo Brunetti: Die Menschen werden nicht automatisch glücklicher, wenn das Pro-Kopf-Einkommen steigt, aber mit Sicherheit unglücklicher, wenn es sinkt.

Das Gespräch führte Nora Meuli.

Rendez-vous, 19.06.2026, 12:30 Uhr

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