Der Energiekonzern Axpo hält neue Kernkraftwerke in der Schweiz für prüfenswert. Realistischer sei aber eine Energiepolitik mit mehr Strom aus erneuerbaren Quellen und Gaskraftwerken als Backup. Zu diesen Schlüssen kommt die Axpo in einer umfangreichen Studie. Sowohl Kernkraftgegnerinnen als auch deren Befürworter sehen sich bestätigt.
Die Unterschiede zeigen sich bereits bei der Frage nach der wichtigsten Erkenntnis aus der Axpo-Studie – für Christian Imark, Energiepolitiker und Nationalrat der SVP, heisst das, «dass die Versorgungssicherheit der fernen Zukunft nur dann gesichert ist, wenn wir entweder grosse Gaskraftwerke oder neue Kernkraftwerke bauen».
Christian Imark hat die Studie als Mitglied des Beirats begleitet, so wie auch die grüne Nationalrätin und Energiepolitikerin Marionna Schlatter. Sie legt aber einen ganz anderen Schwerpunkt als er: «Die wichtigste Erkenntnis für mich ist: Atomkraft ist kein Business Case für die Axpo oder nur dann, wenn der Staat die Kosten vollständig übernimmt. Das ist politisch nicht durchsetzbar.»
Hoffnungen in Erneuerbare wurden in den letzten Jahren enttäuscht
Die Axpo rechnet mit reinen Baukosten von 7 bis 10 Milliarden Franken für ein neues Kernkraftwerk. Dazu kämen Finanzierungs- und Betriebskosten in zweistelliger Milliardenhöhe – ohne massive Unterstützung der öffentlichen Hand wäre dies nicht zu stemmen, so die Studie. Diese zeigt gleichzeitig, dass auch alle anderen Formen der Energieproduktion staatlich gefördert werden.
Das enorme Potenzial von Suffizienz und Effizienz, also Einsparungen durch klügere Nutzung, wird weitestgehend ausgeklammert.
Während Marionna Schlatter die Erkenntnisse der Axpo zu den Kosten von Kernkraftwerken begrüsst, ist die Politikerin überzeugt, dass der Energiekonzern das Potenzial der erneuerbaren Stromproduktion unterschätzt. «Das enorme Potenzial von Suffizienz und Effizienz, also Einsparungen durch klügere Nutzung, wird weitestgehend ausgeklammert in der Studie.» In der Folge rechne man den Bedarf nach Grosskraftwerken künstlich hoch.
Die Axpo und Menschen aus der Strombranche sind schlechte Politiker.
Christian Imark auf der anderen Seite verweist auf die Hoffnungen in Erneuerbare, die in den letzten Jahren enttäuscht wurden: «Dazu gehören die Effizienzprognosen, die Geothermie, dazu gehören die Windkraft, die Wasserkraft, die alpinen Solaranlagen. Es wurden schon viele Schlösser auf Sand gebaut, die dann plötzlich nicht mehr da waren.»
Atomkraftwerke würden wohl frühestens in 20 Jahren ans Netz gehen
Deshalb sei es wichtig, dass sich die Schweiz alle Optionen offenhalte. Die Axpo hält ein Szenario, in dem die Schweiz die Erneuerbaren ausbaut und Gaskraftwerke als Backup bereithält, für realistischer als den Bau neuer Atomkraftwerke in der Schweiz, da diese wegen vieler politischer Hürden frühestens in zwanzig Jahren den Betrieb aufnehmen könnten.
Angesprochen auf diese Prioritätensetzung, meint SVP-Politiker Christian Imark: «Die Axpo und Menschen aus der Strombranche sind schlechte Politiker. Man darf sich jetzt keine zukünftigen Möglichkeiten verbauen. Sonst haben wir nur noch die Gaskraftwerke als einzige Möglichkeit.»
Zwingend sei diese Wahl nicht – betont auf der anderen politischen Seite Marionna Schlatter von den Grünen. Gaskraftwerke seien äusserst klimaschädlich und teuer. Sie hätten aber einen grossen Vorteil: «Sie sind relativ schnell gebaut und auch sehr schnell weggeplant, wenn man sie denn nicht braucht. Ich bin überzeugt: Wenn wir den erneuerbaren Weg weitergehen, werden wir nicht in die Situation kommen, dass wir Gaskraftwerke brauchen.»