Seit 90 Jahren setzt sich die Schweizerische Flüchtlingshilfe für Geflüchtete ein. Direktorin Miriam Behrens erklärt, wie sich die Arbeit verändert hat und wo sie heute an Grenzen stösst.
SRF: Ist der Einsatz für Geflüchtete schwieriger geworden?
Miriam Behrens: Die Solidarität gegenüber Geflüchteten ist volatil. Es gibt Phasen grosser Hilfsbereitschaft, wie zu Beginn des Ukraine-Krieges, gefolgt von Phasen, in denen der Diskurs wieder negativ wird.
Das politische Klima hat sich verschärft, populistische Strömungen gewinnen an Einfluss.
Das politische Klima hat sich verschärft, populistische Strömungen gewinnen an Einfluss. Asylsuchende werden oft zur Zielscheibe gemacht, was die Durchsetzung menschenwürdiger Asylpolitik erschwert. Die Erfolge der Integration in der Schweiz werden in der öffentlichen Diskussion nicht ausreichend kommuniziert.
Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?
Uns ist wichtig, unsere Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wissen, was wir machen und warum wir es machen, gerade in schwierigen Zeiten.
Wir sind uns bewusst, dass der öffentlich-politische Diskurs nicht die gesamte Meinung der Bevölkerung widerspiegelt. Es gibt nach wie vor viel Solidarität, und wir erhalten positive Rückmeldungen, was uns motiviert.
Die Flucht aus der Ukraine beschäftigt die Schweiz weiterhin. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Auf Anfrage des Staatssekretariats für Migration haben wir bis zu 60'000 Gastfamilien mobilisiert. Dadurch konnte etwa die Hälfte der ukrainischen Geflüchteten in den ersten Monaten privat untergebracht werden, was die Behörden entlastete.
Wir haben uns stark für ihre Rechte eingesetzt, insbesondere für die Weiterentwicklung des Status S und die Beseitigung von Rechtsungleichheiten. Das tun wir auch heute noch, indem wir Behörden und Hilfswerke mit unserem Fachwissen unterstützen und politische Entwicklungen kritisch begleiten.
Was hören Sie mittlerweile von Ukrainerinnen und Ukrainern in der Schweiz?
Viele fühlen sich willkommen und besonders bei den Kindern funktioniert die Integration in die Schule gut. Gleichzeitig gibt es den Druck, schnell Arbeit zu finden, was ohne Deutschkenntnisse schwierig ist. Es gibt eine grosse Unsicherheit wegen des Status S, weil er immer nur für ein Jahr gilt.
Wieso wurde die SFH vor 90 Jahren gegründet?
1936 führte das Naziregime zu wachsenden Fluchtbewegungen von jüdischen Menschen und anderen aus rassistischen oder ideologischen Gründen verfolgten Personen. Viele flohen in die Schweiz. Ein staatliches Asylsystem gab es damals noch nicht. Hilfswerke und die Bevölkerung nahmen Geflüchtete auf und organisierten Unterkunft, Kleidung und Essen.
Schnell wurde klar, dass das nicht reicht. Es brauchte jemanden, der koordiniert und sich politisch einsetzt. So ist die SFH entstanden.
Wie hat sich Ihre Arbeit seither verändert?
Unsere Arbeit hat sich stark gewandelt, aber unser Kernauftrag ist derselbe geblieben. Die Schweizerische Flüchtlingshilfe ist Anwältin der Geflüchteten in der Schweiz. Früher lag unser Fokus stärker auf der direkten Koordination der Hilfswerke, beispielsweise bei der Vermittlung von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt.
Heute konzentrieren wir uns auf die politische Arbeit, Lobbying und den Dialog mit Behörden. Wir setzen uns ein für mehr sichere und legale Zugangswege zu Schutz, für faire Asylverfahren und Rechtsstaatlichkeit sowie für gesellschaftliche Teilhabe und Partizipation. Wir koordinieren unsere Mitgliedsorganisationen und passen unsere Aufgaben an aktuelle Fluchtbewegungen an.
Das Gespräch führte Lisa Wickart.