Am 28. Mai 2025 stürzten 20 Millionen Tonnen Geröll ins Lötschental und begruben das Dorf Blatten unter sich. Am nächsten Morgen begann der dortige Hotelier Lukas Kalbermatten, an einer neuen Tourismusstrategie für seine Heimat zu arbeiten.
«Lukas, bist du noch bei Sinnen?», fragte ihn seine Bekannte Esther Bellwald beim morgendlichen Kaffee. Von ihrem Hotel «Nest- und Bietschhorn» wie auch von Kalbermattens Hotel «Edelweiss» waren nur noch Trümmer übrig. «Wir haben nichts mehr zum Tourismus beizutragen.»
Trotzdem weitermachen
Kalbermatten sah das anders. Er hatte sein Hotel Edelweiss in dritter Generation geführt, seit zwanzig Jahren war er für den Tourismus in der Gemeinde verantwortlich gewesen. Für ihn war klar: «Wir können jetzt nicht warten, bis wir in fünf Jahren in Blatten ein neues Hotel bauen können.» Sonst könnten auch Betriebe in den Nachbardörfern sterben: Wegen der verlorenen Hotels in Blatten gäbe es im ganzen Lötschental nicht mehr genug Übernachtungsmöglichkeiten.
Also musste etwas Neues her. Auch Esther Bellwald packte mit an. Sie hatte Arbeitsangebote von anderen Betrieben bekommen, entschied sich aber gemeinsam mit ihrer Familie, im Lötschental zu bleiben. Ihre Söhne waren in einem Alter, in dem ein Wegzug schwierig gewesen wäre. «Ich wollte ihnen kein zweites Trauma zufügen, indem ich sie von den Kollegen weg- und aus der Schule nehme.»
Ein neues Hotel
Spenden kamen aus der ganzen Schweiz, und Solidarität verspürte man aus dem nächsten Umkreis. Behördenmitarbeitende prüften Baubewilligungen bis spät in die Nacht, Handwerker arbeiteten lange Tage im Schneefall.
Nur ein halbes Jahr nach der Katastrophe eröffneten Bellwald und Kalbermatten gemeinsam ein neues Hotel: das «Momentum», vier Kilometer vom zerstörten Blatten entfernt. Der Holzbau entstand in 105 Tagen und ist als Provisorium gedacht. Es könnte aber auch länger bestehen bleiben.
Das Hotel mit seinen 64 Betten sorgt inzwischen schweizweit für Aufmerksamkeit. Im «Andrin Willi Hotelrating Schweiz 2026/27» wurde es mit dem «Mutmacher-Preis» ausgezeichnet.
Es gibt viele Tage, an denen ich aufwache und merke: Das ist alles wirklich passiert.
Auch Stammgäste von früher kehren zurück. Das ist nicht immer einfach: «Dann wird einem erst richtig bewusst, was man verloren hat – wenn Gäste kommen, die ich bereits als Kind gekannt habe», erzählt Esther Bellwald. «Man verdrückt ein paar Tränen gemeinsam.»
Bleibende Narben
Das Unglück vom letzten Jahr hat Bellwald noch nicht verarbeitet. «Es gibt viele Tage, an denen ich aufwache und merke: Das ist alles wirklich passiert», so Bellwald. Mit dem Geschehenen kann sie sich noch nicht auseinandersetzen. «Ich schaue im Moment nur vorwärts.» Die Arbeit im «Momentum» hilft ihr dabei.
Lukas Kalbermatten vermisst insbesondere seine Alltagsrituale im ehemaligen Zuhause. Wie der Blick übers Dorf in der Mittagspause: «Obwohl ich nur vier Kilometer entfernt wohne, habe ich Heimweh.»