Jugendliche in Filmen verbringen erstaunlich viel Zeit damit, erwachsen werden zu wollen. Jugendliche im echten Leben verbringen erstaunlich viel Zeit damit, so zu tun, als wären sie es bereits. Molly Manning Walkers beeindruckendes Debüt «How to Have Sex» handelt von genau dieser Lücke, dem schmerzhaften Abstand zwischen dem, was junge Menschen fühlen, und dem, was sie glauben fühlen zu müssen.
Die britischen Freundinnen Tara, Em und Skye reisen nach Kreta für den Urlaub ihres Lebens: trinken, tanzen, feiern und möglichst viele Erfahrungen sammeln. In der Logik eines Partyurlaubs erscheint das weniger als Wunsch denn als Pflichtprogramm.
Was zunächst wie eine sonnendurchflutete Coming-of-Age-Komödie beginnt, verwandelt sich jedoch langsam in etwas deutlich Unangenehmeres. Die Mädchen lernen eine Gruppe Jungs kennen, flirten, trinken zu viel und verlieren sich in Nächten, die niemals enden wollen. Während Tara sich zu Badger hingezogen fühlt, gerät sie zunehmend unter Druck, sich auf den selbstbewussten Paddy einzulassen. Und je lauter die Musik wird, desto schwerer fällt es ihr, die eigene Stimme zu hören.
Wenn Grenzen verschwimmen
Manning Walker gelingt dabei etwas Seltenes. Sie erzählt keine Geschichte über «gute» und «schlechte» Entscheidungen, sondern über Unsicherheit. Der Film zeigt, wie gesellschaftliche Erwartungen, Gruppendruck und Alkohol Grenzen verwischen können, oft lange bevor jemand bemerkt, dass eine Grenze überhaupt überschritten wurde.
Besonders stark ist Mia McKenna-Bruce in der Hauptrolle. Ihr Spiel lebt von Blicken, Zögern und kleinen Momenten des Unbehagens. Sie verkörpert eine junge Frau, die dazugehören möchte und gleichzeitig spürt, dass etwas nicht stimmt. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur so glaubwürdig.
Neonlichter und dunkle Wahrheiten
Auch visuell überzeugt der Film. Kameramann Nicolas Canniccioni taucht die exzessiven Partynächte in Neonfarben und flirrende Hitze. Die Bilder wirken gleichzeitig verführerisch und bedrohlich. Kreta erscheint nicht als Ferienparadies, sondern als Bühne, auf der Freiheit und Gefahr oft nur einen Drink voneinander entfernt sind.
Trotz seines ernsten Themas besitzt «How to Have Sex» überraschend viel Humor. Die Freundschaften der drei Mädchen sind voller chaotischer Energie, peinlicher Gespräche und jener ehrlichen Albernheit, die das Teenageralter prägt. Der Film liebt seine Figuren, selbst wenn sie sich irren.
Gerade deshalb trifft er so hart. Denn «How to Have Sex» ist letztlich kein Film über Sex, sondern über Macht, Erwartungen und das Bedürfnis, dazuzugehören. Molly Manning Walker hat einen eindringlichen, klugen und bemerkenswert einfühlsamen Film geschaffen, der noch lange nach dem Abspann nachhallt. Er erinnert daran, dass Erwachsenwerden selten in grossen Momenten geschieht, sondern in den Augenblicken, in denen man lernt, der eigenen Unsicherheit zu vertrauen.