Im Labor der Berner Fachhochschule ist Gabriela Calvillo Vazquez dort angekommen, wo sie arbeiten wollte: präzise messen, auswerten, dokumentieren. Die Physikerin aus Mexiko arbeitet wieder in ihrem Fachgebiet. Dass sie heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, war lange nicht absehbar. Sie lebt seit drei Jahren in der Schweiz. Der Zugang zum Arbeitsmarkt blieb ihr zunächst verwehrt. Und das trotz Ausbildung und Berufserfahrung.
-
Bild 1 von 6. Gabriela Calvillo Vazquez ist Physikerin und arbeitet im Labor der Berner Fachhochschule. Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 6. Sie bringt einen starken naturwissenschaftlichen Hintergrund mit: von Physik bis zu biomedizinischer Forschung. Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 6. Das Haus der Organisation Frieda in Bern. Hier treffen sich Migrantinnen im Mentoring‑Programm «Mira‑Kompass». Bildquelle: SRF.
-
Bild 4 von 6. Theodora Leite Stampfli, frühere Programmverantwortliche Migrationspolitik bei Frieda. Sie begleitete das Mentoring‑Programm bis im Frühjahr 2026. Bildquelle: SRF.
-
Bild 5 von 6. Blick ins Labor der Berner Fachhochschule. Trotz Ausbildung finden viele Migrantinnen nur schwer Zugang zu solchen Fachstellen. Bildquelle: SRF.
-
Bild 6 von 6. Beat Neuenschwander, Professor für angewandte Lasertechnologie an der Berner Fachhochschule. Er stellte Gabriela als wissenschaftliche Mitarbeiterin ein. Bildquelle: SRF.
«In den ersten drei Jahren in der Schweiz war es schwierig, eine Stelle zu finden», sagt Gabriela Calvillo Vazquez. Viele Bewerbungen blieben unbeantwortet oder führten zu Absagen. Die Situation war belastend, auch emotional. «Ich musste persönliche Verluste und schwierige Phasen überwinden, und gleichzeitig wurde ich bei den Bewerbungen abgelehnt.»
Eine Herausforderung war, zu akzeptieren, dass nicht ich das Problem war.
Ein zentraler Schritt bestand für sie darin, die Ablehnung nicht nur als persönliches Scheitern zu verstehen. «Die zweite Herausforderung war, zu akzeptieren, dass nicht ich das Problem war.» Hinzu kamen sprachliche Hürden und Fragen der Integration. «Die Sprache ist schwierig, aber nicht unmöglich.»
Einen Wendepunkt markiert die Teilnahme am «Mira‑Kompass», einem Mentoring‑Programm der Organisation Frieda. Das zehnmonatige Programm richtet sich an Migrantinnen mit Ausbildung und Berufserfahrung, die im Schweizer Arbeitsmarkt keinen Zugang finden. Zentrale Elemente sind individuelle Begleitung und der Austausch in der Gruppe.
Die Gruppentreffen spielen dabei eine zentrale Rolle. «Wenn wir diese Veranstaltungen machen und über zwanzig Frauen gemeinsam in einem Raum sitzen und alle ihre Erfahrungen teilen, entsteht eine sehr starke Energie», sagt Theodora Leite Stampfli, die das Programm bis Ende April 2026 leitete.
Sie haben uns unsere Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken bewusst gemacht.
Viele der Teilnehmerinnen berichteten von ähnlichen Erfahrungen. «Dann entsteht der Aha-Effekt – wenn man merkt, dass man nicht alleine ist», erklärt Theodora Leite Stampfli.
Für Gabriela Calvillo Vazquez war das zentral. «Sie haben uns unsere Fähigkeiten, Kompetenzen und Stärken bewusst gemacht», sagt sie. «Und wir haben gemerkt, dass wir mehr können, als wir dachten.» Mit dem Mentoring gewann sie neue Perspektiven: «Mit diesen Werkzeugen und diesem Wissen kann ich mehr erreichen, als ich dachte.»
Ein strukturelles Problem
Gabriela Calvillo Vazquez’ Geschichte ist kein Einzelfall. Gemäss den Integrationsindikatoren des Bundesamts für Statistik arbeiten hochqualifizierte Migrantinnen in der Schweiz überdurchschnittlich häufig unter ihrem Ausbildungsniveau, insbesondere Frauen mit im Ausland erworbenem tertiärem Abschluss. Zudem lag die Erwerbsquote ausländischer Frauen im Alter von 25 bis 64 Jahren 2025 unter jener von Schweizerinnen und Schweizern.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass sich viele Hürden erst im Bewerbungsprozess zeigen. Arbeitgeber erwarteten oft «Schweizer Berufserfahrung» oder spezifische Abschlüsse, erklärt die Organisation Frieda. Zugleich fehle häufig die Zeit oder die finanzielle Sicherheit, um langwierige Anerkennungsverfahren oder Sprachkurse zu absolvieren. Für viele Migrantinnen entstehe so ein Zwischensektor aus Übergangslösungen und Dequalifizierung.
Nicht alle Teilnehmerinnen finden nach Abschluss des Programms eine Stelle im angestammten Beruf. Oft fehle die erste Berufserfahrung in der Schweiz, um vorhandene Qualifikationen im lokalen Kontext sichtbar zu machen, sagt Mona‑Lisa Kole, heutige Programmverantwortliche Migrationspolitik bei Frieda. Gemeinsam mit Alma Onambele betreut sie das Programm «Mira‑Kompass».
Grenzen zeigten sich dort, wo man auf strukturelle Hürden stosse, so Kole: Anerkennungsverfahren für ausländische Diplome, hohe Sprachanforderungen, fehlende oder kostenintensive Deutschkurse oder unzureichende Kinderbetreuungsangebote liessen sich mit Mentoring allein nicht aufheben. Auch Vorurteile und Diskriminierung in Rekrutierungsprozessen wirkten sich auf die Jobchancen aus.
Auch dort, wo Programme wie «Mira‑Kompass» wirken, verläuft der Weg selten geradlinig. Der Berufseinstieg sei für viele ein langfristiger Prozess, sagt die Programmleitung. Zwischen Bewerbung, Weiterbildung und Übergangslösungen vergingen oft Monate oder Jahre. Fortschritte zeigten sich nicht immer sofort in Anstellungen, sondern zunächst in Klarheit, Handlungsspielraum und Durchhaltevermögen.
Erwerbsarbeit ist nur möglich, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen vorhanden sind.
Frieda könne begleiten und sensibilisieren, sagt Kole. Die Umsetzung liege jedoch bei Politik, Behörden und Arbeitgebenden. Individuelles Empowerment sei wichtig, reiche aber nicht aus. «Erwerbsarbeit ist nur möglich, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen vorhanden sind.»
Der Weg zurück ins Fachgebiet
Nach Abschluss des Programms bewirbt sich Gabriela Calvillo Vazquez an der Berner Fachhochschule – mit Erfolg. Ihr Vorgesetzter Beat Neuenschwander hebt neben der fachlichen Qualifikation auch ihren Werdegang hervor. «Es hat einfach gepasst.»
Für Gabriela Calvillo Vazquez bedeutet der Einstieg mehr als eine neue berufliche Station. «Durch alles, was ich getan habe, mit ‹Mira-Kompass› und durch meine eigene Entschlossenheit und Ausdauer, habe ich eine neue Gabriela entdeckt.» Schritt für Schritt habe sie neues Selbstvertrauen aufgebaut.