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«Die Schweiz spricht» Dialog statt Schlagabtausch – Wie Zuhören Brücken baut

Zuhören und dabei etwas lernen: Das ist die Voraussetzung für das gelungene Gespräch – und es gibt Menschen, die das üben.

Ein sonniger Samstagnachmittag. Auf dem Platz vor dem Grossmünster in Zürich sind Stuhlpaare verteilt. Zweiergruppen nehmen darauf Platz, das Team des Dialogformats «Die Schweiz spricht» hat sie eingeteilt.

Zwei Menschen mit unterschiedlichen Ansichten sprechen jeweils miteinander. Zum Beispiel über die Frage, ob die Neutralität der Schweiz neu gedacht werden sollte, ob Wirtschaftsziele wichtiger als Klimaziele sind, oder ob der Einsatz künstlicher Intelligenz begrenzt werden soll.

Hauptsache Direktbegegnung

Eine der Teilnehmenden ist Mona Schatzmann. «Ich habe immer ein bisschen Angst, dass wir zu wenig miteinander sprechen und dass die Gesellschaft auseinanderdriftet», sagt sie.

Drei Personen sitzen auf Stühlen auf einem gepflasterten Platz im Freien und diskutieren.
Legende: Neulich auf dem Grossmünsterplatz in Zürich: Drei Menschen, die den Standpunkt des jeweils anderen verstehen wollen – aber so richtig. SRF

Auch die Psychologin Esther Wolf macht mit. Für sie steht das Miteinander im Zentrum. Nicht einfach nur sprechen, seine Meinung platzieren, einen gepfefferten Kommentar schreiben – sondern miteinander ins Gespräch kommen.

Das sieht auch der Grossmünster-Pfarrer Christian Walti so, der die diesjährige Ausgabe von «Die Schweiz spricht» mitorganisiert hat. Die direkte Begegnung ist für ihn die Pointe dieses Dialogformats: Mit einem Menschen eine Stunde teilen, mit dem man sonst nie gesprochen hätte.

Die Spielregeln

«Die Schweiz spricht» ist aus dem Projekt «Deutschland spricht» des Medienhauses «Die Zeit» entstanden. 30 Länder haben die Idee übernommen. Pfarrpersonen verschiedener Kirchgemeinden haben dieses Format wieder aufleben lassen.

Ein Standpunkt ist die Spitze des Eisbergs, doch darunter verbirgt sich der Grund, warum jemand genauso denkt.
Autor: Lea Suter Dialogexpertin

Zuerst hat jeder Gesprächsteilnehmende Zeit, seine Standpunkte zu erläutern. Das Gegenüber hört aufmerksam zu – ohne etwas zu entgegnen. Dann stellen sich die beiden gegenseitig Fragen: Wieder antwortet nur eine Person, die andere hört zu. Erst im dritten Teil diskutieren die beiden miteinander.

Zuhören, um zu lernen

Nun ist es nicht bahnbrechend neu, wie hilfreich gutes Zuhören für ein gelungenes Gespräch ist. Doch wenn Lea Suter in eine Gemeinde kommt, in der Geschirr zerbrochen ist, in der zwischen den Interessengruppen Funkstille herrscht, hört die Konfliktberaterin immer wieder: «Die hören mir ja sowieso nie zu, die machen ohnehin, was sie wollen.»

Frau mit langen dunklen Haaren steht vor einer weissen Wand.
Legende: Die Dialogexpertin Lea Suter berät bei Konflikten. Wichtig dabei: den Beteiligten zuerst gut zuhören, um die verschiedenen Standpunkte zu sehen. Raphael Hünerfauth

Deshalb hört Lea Suter allen Beteiligten zuerst einmal aufmerksam zu, mit dem Ziel, von ihnen zu lernen. Sie ist Co-Leiterin des Fachbereichs Dialog bei Pro Futuris, dem Think-and-do-Tank der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Vorher arbeitete sie in der internationalen Politik, unter anderem bei der UNO.

Ob sich nun eine Gemeinde wegen einer Unterkunft für Asylsuchende, über Tempo 30 oder die Nutzung einer historischen Innenstadt nicht einig ist: Die Mediatorin schenkt allen Gehör, auch den leisen Stimmen, auch den Minderheiten.

Person in oranger Arbeitskleidung malt mit weisser Farbe die Zahl 30 auf eine Strasse.
Legende: Die Einführung neuer Tempovorschriften in einer Gemeinde kann zu reden geben. Die Expertin sagt, es gebe für jeden Standpunkt eine Ursache, und die gilt es zu kennen. Keystone / JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Wenn sie über die Sache Bescheid weiss, sucht sie nach der Ursache. «Ein Standpunkt ist die Spitze des Eisbergs, doch darunter verbirgt sich der Grund, warum jemand genauso denkt. Das hat mit der Geschichte und den persönlichen Erfahrungen der jeweiligen Person zu tun, mit ihren Prägungen und Werten», erklärt die Dialogexpertin Lea Suter.

6 oder 9?

Genau diese Erfahrung machten die Zweiergruppen am Anlass «Die Schweiz spricht». Ein Thema war die «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative. Die gebürtige Deutsche Camille Roseau ist aufgrund ihrer Geschichte und Prägung gegen die Initiative. Ihr Gesprächspartner John Wubbe, der vor vielen Jahren aus Holland in die Schweiz kam, ist aufgrund seiner Geschichte und wegen seiner Werte hingegen dafür.

Eine Person vor Plakaten mit politischen Botschaften.
Legende: Ja oder nein – und bitte warum? Gerade eine direkte Demokratie ist ohne Dialog nicht denkbar. Darüber ist sich einig, wer bei «Die Schweiz spricht» mitmacht. Keystone / Gian Ehrenzeller

Lea Suter nimmt gern das Bild der Zahlen 6 und 9 zu Hilfe. «Jemand ist felsenfest davon überzeugt, dass er vor einer 6 steht. Wenn er bereit ist, um die 6 herumzugehen, und zum Schluss kommt, dass die Zahl von der anderen Seite aus gesehen tatsächlich wie eine 9 aussieht, dann ist viel erreicht. Danach kann er zu seinem Standpunkt zurückkehren. Vielleicht hat er sich ein wenig bewegt, aber es geht nicht darum, dass er seinen Standpunkt aufgibt.»

Gleiches Ziel, anderer Weg

Mona Schatzmann, die auch bei «Die Schweiz spricht» mitmacht, hat den Austausch erstaunlich harmonisch erlebt. «Ich hätte es mir kontroverser vorgestellt. Oft haben wir gemerkt, dass wir gar nicht so weit auseinanderliegen.»

Demokratie ist nicht selbstverständlich und gegeben. Sie ist ein grosser Auftrag.
Autor: Lea Suter Dialogexpertin

Das erlebt Lea Suter in ihrer Dialogarbeit auch. «Es gibt Menschen, die für die ‹10-Millionen-Schweiz› sind, weil sie die Zersiedlung stoppen wollen und sich um den Erhalt der Natur sorgen. Andere treibt die Sorge um die Natur auch an, sie sehen aber in der Begrenzung der Einwanderung keine Lösung.»

Ohne Dialog keine Demokratie

Es ist nötig, dass Menschen Standpunkte haben. Sonst würde am Ende niemand mehr an die Urne gehen, die direkte Demokratie würde hinfällig. «Wenn es aber nicht mehr möglich ist, sachlich über Themen zu sprechen, wenn die Emotionen hochgehen und die Voten bestimmte Personen abwerten, dann wird es gefährlich», sagt die Dialogexpertin Lea Suter von Pro Futuris.

Deshalb organisieren auch sie und ihr Team Anlässe wie «Die Schweiz spricht», um Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Lea Suter ist überzeugt, dass es gerade in schwierigen Zeiten, wie wir sie erleben und in denen Spannungen zunehmen, mehr Dialogkultur benötigt.

Dialogkultur fördern

«Demokratie ist nicht selbstverständlich und gegeben. Sie ist ein grosser Auftrag. Es braucht uns alle, damit sie am Leben bleibt», fährt Lea Suter fort. «Wir haben in der Schweiz wenig Gelegenheit, den Dialog zu üben. Unsere Gesellschaft empfindet Konflikte und Spannungen als etwas Schlimmes. Harmonie wird hochgehalten. Doch Konflikte können uns weiterbringen, können zu neuen Gedanken, neuen Lösungen führen; und sie können unsere Zusammenarbeit vertiefen und verbessern.»

Eine Gelegenheit, den Dialog zu üben, bietet «Die Schweiz spricht». Nächstes Jahr wollen Christian Walti und sein Team noch mehr Kirchgemeinden ins Boot holen und eine grössere Ausgabe des Dialogformats organisieren.

Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 12.07.2026, 08:30 Uhr; noes

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