93 Penisse sind auf dem fast 1000 Jahre alten Wandteppich von Bayeux zu sehen. Nein! 94! Über die Anzahl entbrannte im April 2025 ein Historikerstreit. Das ist lustig, aber nicht nur. Denn die Penisse haben durchaus historische Aussagekraft.
88 der Genitalien auf dem Teppich gehören Pferden. Den grössten hat das Schlachtross von William dem Eroberer. Seinen Sieg bei der Schlacht von Hastings zeigt der Wandteppich. Der Penis des Pferdes als Zeichen der Potenz des Reiters.
Was macht der nackte Mann da unten?
Die menschlichen Genitalien deuten dagegen auf ein düstereres Kapitel der Eroberung Englands durch die Normannen hin. Eine Szene zeigt vermeintlich einen sexuellen Übergriff. Dargestellt ist Aelgifu, eine Frau von Relevanz, sonst würde sie auf dem Teppich nicht namentlich genannt. Neben ihr ein Geistlicher, der ihren Kopf berührt. Das allein wäre nichts Anstössiges.
Doch unter dem Bild sitzt ein nackter Mann, in derselben Pose wie der Geistliche, die Genitalien prominent dargestellt. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass dies einen Übergriff andeutet – oder aber ein unschickliches Verhältnis der beiden. Wer genau Aelgifu ist, weiss die Forschung bisher nicht mit Sicherheit.
Wie die Unterhosen auf den Teppich kamen
Prüderie kann man den Auftraggebern und Künstlerinnen des Wandteppichs nicht vorwerfen. Detailgetreu sind die Genitalien dargestellt. Und das, obwohl man davon ausgeht, dass ein Bischof (Odo von Bayeux, Halbbruder von William) den Teppich in Auftrag gegeben hat und Nonnen ihn gestickt haben. Auf einer ziemlich exakten Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert tragen die Männer plötzlich Unterhosen.
Der Teppich enthält zudem Fake News: Schaut man ihn nur oberflächlich an, muss man davon ausgehen, dass König Harold, der die Schlacht von Hastings verlor, von einem Pfeil im Auge getroffen wurde. Im späteren Mittelalter ein untrügliches Zeichen für einen Verräter. Doch ein genauerer Blick zeigt: Der Pfeil wurde nachträglich hinzugefügt. Harold ist in der Szene höchstwahrscheinlich woanders: Ihm wird am rechten unteren Rand gerade ein Bein abgehackt.
80'000 in der Warteschlange
Der Wandteppich enthält auf 70 Metern Länge unglaublich viele Details. Zu entdecken sind diese auch auf der Webseite des Bayeux-Museums. Er erzählt eine Geschichte von Freundschaft und Verrat, von Rache und Verzweiflung, vom ruhmreichen Krieg und seinen Schattenseiten. Gedacht war der Teppich ursprünglich für die Kathedrale von Bayeux. Einmal im Jahr wurde er dort aufgehängt – ein kunstvolles Stück Propaganda.
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Bild 1 von 4. 70 Meter Geschichte: Auf dem Wandteppich wurden vier farbige Farbstoffe in fünf Sticharten verarbeitet. Dargestellt sind die Jahre 1065–1066. Bildquelle: Reuters/The British Museum.
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Bild 2 von 4. Aus der Nähe betrachtet: Die Stickerei ist an einigen Stellen unerwartet flauschig. Ertasten können werden das Betrachtende heutzutage wohl eher nicht. Bildquelle: La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.
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Bild 3 von 4. Über 600 Figuren werden insgesamt in der Stickerei vorgestellt. Nur sechs von ihnen sind Frauen. Bildquelle: La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.
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Bild 4 von 4. Immerhin 737 Tiere haben es auf den Wandteppich geschafft, wie diese putzigen Pfauen. Bildquelle: La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.
Nach fast 1000 Jahren in Frankreich ist der Teppich nun zurück in England. Die Tickets im Vorverkauf waren alle innert 24 Stunden weg. Britische Medien berichten von geschätzt 80'000 Personen, die bis zu neun Stunden anstanden, um ein Ticket zu ergattern. Dass der fast 1000-jährige Teppich von Frankreich nach Grossbritannien transportiert wurde, sorgte im Vorfeld allerdings für Kritik.
Denn das Kunstwerk ist fragil. 10'000 Löcher und 30 Risse machen den Transport zu einem Hochrisikounterfangen. Ein Hightechbehälter schützte den Teppich auf der Reise vor Vibrationen und sorgte für konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Nun ist er in England angekommen. Die Ausstellung im British Museum wird wohl eine der bestbesuchten aller Zeiten.