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Furore um altes Textil Der Teppich von Bayeux: 1000 Jahre alte Geschichte und 93 Penisse

Seit seiner Rückkehr nach England sind die Schlangen länger als das 70 Meter lange Meisterwerk selbst. Zu entdecken gibt es detailgetreue Genitalien, Hinweise auf einen Sex-Skandal und sogar nachträglich eingestickte «Fake News».

93 Penisse sind auf dem fast 1000 Jahre alten Wandteppich von Bayeux zu sehen. Nein! 94! Über die Anzahl entbrannte im April 2025 ein Historikerstreit. Das ist lustig, aber nicht nur. Denn die Penisse haben durchaus historische Aussagekraft.

Eine mittelalterliche Stickerei zeigt einen Ritter auf einem Pferd in einer Kampfszene.
Legende: Der Wandteppich der zahlreichen Penisse: Oft genug bestücken sie auf der Stickerei ein Pferd, verraten aber auch viel über den Reiter. La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.

88 der Genitalien auf dem Teppich gehören Pferden. Den grössten hat das Schlachtross von William dem Eroberer. Seinen Sieg bei der Schlacht von Hastings zeigt der Wandteppich. Der Penis des Pferdes als Zeichen der Potenz des Reiters.

Der Wandteppich von Bayeux

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Der Wandteppich (der streng genommen kein Teppich ist, sondern eine Stickerei) ist 70 Meter lang und 50 Zentimeter hoch. Er wurde im 11. Jahrhundert in England gefertigt und zeigt die Geschichte von Harold, König von England, und seinem Freund und späteren Rivalen, William, Herzog der Normandie. Die Eroberung Englands durch William gehört zu den wichtigsten Ereignissen der englischen Geschichte und markierte eine Zäsur.

Was macht der nackte Mann da unten?

Die menschlichen Genitalien deuten dagegen auf ein düstereres Kapitel der Eroberung Englands durch die Normannen hin. Eine Szene zeigt vermeintlich einen sexuellen Übergriff. Dargestellt ist Aelgifu, eine Frau von Relevanz, sonst würde sie auf dem Teppich nicht namentlich genannt. Neben ihr ein Geistlicher, der ihren Kopf berührt. Das allein wäre nichts Anstössiges.

Mittelalterliche Stickerei mit zwei Figuren zwischen Säulen und lateinischem Text.
Legende: Der Wandteppich zeigt Aelgifu in einem gewölbten Rahmen mit einem Geistlichen – mit einem Hinweis auf einen möglichen Skandal. La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.

Doch unter dem Bild sitzt ein nackter Mann, in derselben Pose wie der Geistliche, die Genitalien prominent dargestellt. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass dies einen Übergriff andeutet – oder aber ein unschickliches Verhältnis der beiden. Wer genau Aelgifu ist, weiss die Forschung bisher nicht mit Sicherheit.

Wie die Unterhosen auf den Teppich kamen

Prüderie kann man den Auftraggebern und Künstlerinnen des Wandteppichs nicht vorwerfen. Detailgetreu sind die Genitalien dargestellt. Und das, obwohl man davon ausgeht, dass ein Bischof (Odo von Bayeux, Halbbruder von William) den Teppich in Auftrag gegeben hat und Nonnen ihn gestickt haben. Auf einer ziemlich exakten Nachbildung aus dem 19. Jahrhundert tragen die Männer plötzlich Unterhosen.

Der Teppich enthält zudem Fake News: Schaut man ihn nur oberflächlich an, muss man davon ausgehen, dass König Harold, der die Schlacht von Hastings verlor, von einem Pfeil im Auge getroffen wurde. Im späteren Mittelalter ein untrügliches Zeichen für einen Verräter. Doch ein genauerer Blick zeigt: Der Pfeil wurde nachträglich hinzugefügt. Harold ist in der Szene höchstwahrscheinlich woanders: Ihm wird am rechten unteren Rand gerade ein Bein abgehackt.

Mittelalterliche Stickarbeit mit Rittern und Pferden in einer Schlachtszene.
Legende: König Harold auf dem Wandteppich von Bayeux. Historiker sind sich uneins, ob Harold die Figur links, rechts oder beides ist. La Fabrique de patrimoines en Normandie / Antoine Cazin.

80'000 in der Warteschlange

Der Wandteppich enthält auf 70 Metern Länge unglaublich viele Details. Zu entdecken sind diese auch auf der Webseite des Bayeux-Museums. Er erzählt eine Geschichte von Freundschaft und Verrat, von Rache und Verzweiflung, vom ruhmreichen Krieg und seinen Schattenseiten. Gedacht war der Teppich ursprünglich für die Kathedrale von Bayeux. Einmal im Jahr wurde er dort aufgehängt – ein kunstvolles Stück Propaganda.

Nach fast 1000 Jahren in Frankreich ist der Teppich nun zurück in England. Die Tickets im Vorverkauf waren alle innert 24 Stunden weg. Britische Medien berichten von geschätzt 80'000 Personen, die bis zu neun Stunden anstanden, um ein Ticket zu ergattern. Dass der fast 1000-jährige Teppich von Frankreich nach Grossbritannien transportiert wurde, sorgte im Vorfeld allerdings für Kritik.

Denn das Kunstwerk ist fragil. 10'000 Löcher und 30 Risse machen den Transport zu einem Hochrisikounterfangen. Ein Hightechbehälter schützte den Teppich auf der Reise vor Vibrationen und sorgte für konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Nun ist er in England angekommen. Die Ausstellung im British Museum wird wohl eine der bestbesuchten aller Zeiten.

SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 10.7.2026, 17:20 Uhr

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