Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Sexuelle Übergriffe im Kloster Wie weiter nach dem Missbrauchsskandal in St. Maurice?

Das altehrwürdige Kloster St. Maurice macht eine der schwersten Krisen der 1500-jährigen Geschichte durch. Die Abtei hat jahrzehntelang Missbrauch vertuscht und Täter geschützt. Seit Frühling ist nun ein neuer Abt im Amt. Was treibt ihn an, und wie steht es um Aufarbeitung und Prävention?

Abt werden wollte er eigentlich nie. «Nein, gar nicht», erklärt Alexandre Ineichen lachend. «Ich wollte nie Karriere machen. Leben in der Abtei und unterrichten am Gymnasium hätten mir völlig gereicht.»

Seit 40 Jahren lebt Ineichen in der Abtei Saint-Maurice. Ging hier ins Gymnasium, trat mit 21 ins Kloster ein, arbeitete lange als Physik- und Mathematiklehrer am Lycée-Collège, zuletzt als Rektor.

Person in zeremonieller Kleidung vor einer alten Kirche.
Legende: Alexandre Ineichen bei seiner Amtseinführung am 19. März 2026. Das Walliser Kloster Saint-Maurice gilt als das älteste ununterbrochen bestehende Kloster des Abendlandes. Keystone/Jean-Christophe Bott

Doch als sein Vorgänger, Abt Jean Scarcella, nach dem Missbrauchsskandal und viel öffentlichem Druck zurücktreten musste, war ihm klar: «Es könnte mich treffen. Und so habe ich mich zur Verfügung gestellt.» Er habe Vertrauen – in sich, in seine Mitbrüder, in Gott. «Man muss sich den Herausforderungen stellen.»

Der Missbrauchsskandal in St. Maurice

Box aufklappen Box zuklappen

2023 machte das Westschweizer Fernsehen RTS publik, dass die Abtei Chorherren schützt, die der sexualisierten Gewalt verdächtigt werden. Auch Abt Jean Scarcella selbst wurde verdächtigt. Die Abtei mauerte erst, gab dann dem Druck aber nach und beauftragte die Universität Freiburg mit einer Studie.

Die Erkenntnisse waren vernichtend: 67 Fälle von sexualisierter Gewalt in den letzten 70 Jahren. 30 Täter aus den Reihen der Chorherren. 68 Betroffene. Das Kloster hatte Täter geschützt. Zudem war die Kommunikation innerhalb des Klosters mangelhaft: Unstimmigkeiten blieben ungelöst, Konflikte wurden unter den Teppich gekehrt

Zu diesen Herausforderungen gehört die Bewältigung der Missbrauchskrise. Die Abtei hat einen Aktionsplan verabschiedet. Dieser sieht etwa vor, dass das Kloster das Leid der Betroffenen anerkennt.

Bereits bei seiner Amtseinsetzung setzte Alexandre Ineichen ein Zeichen: Er gedachte den Betroffenen im Gebet. Und er sei offen, falls Betroffene ihn treffen wollten. «Allerdings muss dies von ihnen selbst ausgehen. Bisher hatte ich nur wenig Kontakt», sagt er. «Ich weiss, das Vertrauen ist zerstört.» Als Christ glaube er aber, dass dieses wieder entstehen könne.

«Viel mehr miteinander reden»

Ein weiterer Punkt auf dem Aktionsplan sind Schulungen, um künftige Übergriffe zu vermeiden. Gerade habe er einen Verhaltenskodex fertiggestellt. Ein Mitbruder habe einen Studiengang zur Prävention absolviert und der Gemeinschaft Präventionsmassnahmen vorgestellt, so Alexandre Ineichen.

Nur: Sind alle Chorherren bereit, sich auf das Thema einzulassen? In der Gemeinschaft leben Brüder, die der sexualisierten Gewalt verdächtigt wurden oder die diese in der Vergangenheit verharmlost haben. «Alle sind bereit mitzumachen», betont der Abt. «Weil wirklich alle den Willen haben voranzukommen.» Dazu gehört auch eine neue Kommunikationskultur. In der Vergangenheit habe es eine regelrechte Omerta gegeben. Das müsse sich ändern. «Wir müssen viel mehr miteinander reden.» Schwierige Themen ansprechen, Informationen teilen.

Veränderungen bereits in Kraft

Überwacht werden die Massnahmen von einer unabhängigen Kommission. In ihr sitzen etwa die Präventionsbeauftrage des Bistums Lausanne, Genf, Freiburg und ein Vertreter der Betroffenenorganisation Sapec. Abt Alexandre Ineichen schätzt dieses «Beratergremium», wie er es nennt. «Wir lassen Revue passieren, was passiert ist. Dann überlegen wir, wie wir es besser machen können.»

Luftaufnahme einer historischen Kirche und umliegenden Gebäuden in einer Herbstlandschaft.
Legende: Das Kloster Saint-Maurice im Unterwallis ist das älteste Kloster nördlich der Alpen. Es wurde 515 nach Christus gegründet. Keystone/Jean-Christophe Bott

Die Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt hat in der Abtei Veränderungen ausgelöst. Auch unfreiwillige. Das Gymnasium von St. Maurice hat erstmals keinen klösterlichen Rektor mehr, ist endgültig von der Abtei getrennt. Nun müssen sich die Brüder Gedanken machen, wie sie ihren Dienst an der Gesellschaft verrichten.

Ausserdem plangen sie Nachwuchssorgen: Von den einst über 100 Chorherren, die in der Abtei lebten, als Alexandre Ineichen eintrat, sind noch rund 20 übrig – der jüngste Mitte 20, der älteste 102. «Wir schauen, wohin uns der Wind weht», meint Abt Ineichen mit Blick auf die Zukunft. Er ist überzeugt: Auf die eine oder andere Weise wird seine Abtei überleben.

Radio SRF2 Kultur, Perspektiven, 21.06.2026, 8:30 Uhr

Meistgelesene Artikel