Abt werden wollte er eigentlich nie. «Nein, gar nicht», erklärt Alexandre Ineichen lachend. «Ich wollte nie Karriere machen. Leben in der Abtei und unterrichten am Gymnasium hätten mir völlig gereicht.»
Seit 40 Jahren lebt Ineichen in der Abtei Saint-Maurice. Ging hier ins Gymnasium, trat mit 21 ins Kloster ein, arbeitete lange als Physik- und Mathematiklehrer am Lycée-Collège, zuletzt als Rektor.
Doch als sein Vorgänger, Abt Jean Scarcella, nach dem Missbrauchsskandal und viel öffentlichem Druck zurücktreten musste, war ihm klar: «Es könnte mich treffen. Und so habe ich mich zur Verfügung gestellt.» Er habe Vertrauen – in sich, in seine Mitbrüder, in Gott. «Man muss sich den Herausforderungen stellen.»
Zu diesen Herausforderungen gehört die Bewältigung der Missbrauchskrise. Die Abtei hat einen Aktionsplan verabschiedet. Dieser sieht etwa vor, dass das Kloster das Leid der Betroffenen anerkennt.
Bereits bei seiner Amtseinsetzung setzte Alexandre Ineichen ein Zeichen: Er gedachte den Betroffenen im Gebet. Und er sei offen, falls Betroffene ihn treffen wollten. «Allerdings muss dies von ihnen selbst ausgehen. Bisher hatte ich nur wenig Kontakt», sagt er. «Ich weiss, das Vertrauen ist zerstört.» Als Christ glaube er aber, dass dieses wieder entstehen könne.
«Viel mehr miteinander reden»
Ein weiterer Punkt auf dem Aktionsplan sind Schulungen, um künftige Übergriffe zu vermeiden. Gerade habe er einen Verhaltenskodex fertiggestellt. Ein Mitbruder habe einen Studiengang zur Prävention absolviert und der Gemeinschaft Präventionsmassnahmen vorgestellt, so Alexandre Ineichen.
Nur: Sind alle Chorherren bereit, sich auf das Thema einzulassen? In der Gemeinschaft leben Brüder, die der sexualisierten Gewalt verdächtigt wurden oder die diese in der Vergangenheit verharmlost haben. «Alle sind bereit mitzumachen», betont der Abt. «Weil wirklich alle den Willen haben voranzukommen.» Dazu gehört auch eine neue Kommunikationskultur. In der Vergangenheit habe es eine regelrechte Omerta gegeben. Das müsse sich ändern. «Wir müssen viel mehr miteinander reden.» Schwierige Themen ansprechen, Informationen teilen.
Veränderungen bereits in Kraft
Überwacht werden die Massnahmen von einer unabhängigen Kommission. In ihr sitzen etwa die Präventionsbeauftrage des Bistums Lausanne, Genf, Freiburg und ein Vertreter der Betroffenenorganisation Sapec. Abt Alexandre Ineichen schätzt dieses «Beratergremium», wie er es nennt. «Wir lassen Revue passieren, was passiert ist. Dann überlegen wir, wie wir es besser machen können.»
Die Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt hat in der Abtei Veränderungen ausgelöst. Auch unfreiwillige. Das Gymnasium von St. Maurice hat erstmals keinen klösterlichen Rektor mehr, ist endgültig von der Abtei getrennt. Nun müssen sich die Brüder Gedanken machen, wie sie ihren Dienst an der Gesellschaft verrichten.
Ausserdem plangen sie Nachwuchssorgen: Von den einst über 100 Chorherren, die in der Abtei lebten, als Alexandre Ineichen eintrat, sind noch rund 20 übrig – der jüngste Mitte 20, der älteste 102. «Wir schauen, wohin uns der Wind weht», meint Abt Ineichen mit Blick auf die Zukunft. Er ist überzeugt: Auf die eine oder andere Weise wird seine Abtei überleben.