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Warum wir Listen schreiben Ich liste, also bin ich

Ein Hoch auf den erbärmlichen und doch wertvollen Versuch, die Welt überschaubar zu machen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin eine glühende Verehrerin von Listen. Das Leben wird übersichtlicher, wenn man Dinge fein säuberlich auflistet und nummeriert – obwohl man dann meistens doch nicht alle erstellten Punkte abarbeitet. Trotzdem höchste Zeit, der Liste einige Listen zu widmen.

Das sagt die Fachfrau

Caroline Theiss ist Trainerin und Beraterin für Selbstmanagement und Persönlichkeitsentwicklung. Sie findet:

  • Wir schreiben Listen, weil unsere Welt wahnsinnig komplex und kompliziert geworden ist. Unser Verstand kann nur wenige Dinge parallel auf dem Schirm haben, danach wird's schwierig.
  • Wenn strategisch funktionierende Menschen zu viel an der Backe haben, können Listen eine Entlastung darstellen – im Sinne von «Ich hab's im Griff, ich hab's ja aufgeschrieben».
  • Wer lieber fröhlich planlos dahin eiert, für den können Listen ein Werkzeug sein, um in eine Struktur zu kommen.

Früh übt sich

Adam und Eva dürften im Paradies noch keine Listen gebraucht haben, denn ihr Alltag war überschaubar. Kompliziert wird’s erst mit dem Beginn der Zivilisation.

Antike Tontafel mit Keilschriftzeichen.
Legende: Handfeste Liste: Eine Keilschrifttafel von ca. 2350 v. Chr. aus der ehemaligen Stadt Girsu (heute im Irak). Die Tafel ist heute im British Museum ausgestellt. Imago
  • Im 4. Jahrtausend v. Chr. entwickeln sich in Mesopotamien Städte. Von dort stammen einige der ältesten überlieferten Listen. Sie dienten dazu, die wachsende Ökonomie im Griff zu behalten. Tontafeln mit Keilschrift listen beispielsweise Lieferungen von Getreide oder Bier auf.
  • Andere mesopotamische Listen versammeln Tierarten, Berufe oder Orte. Sie gelten als Vorläufer der heutigen Wissenschaft. Der Anspruch war, die Welt vollständig zu erfassen.
  • Die Liste der sieben Weltwunder (3. Jahrhundert v. Chr.) ist so etwas wie die Hitparade der Antike: ein Mix aus Architektur-Guide, kulturellem Pflichtprogramm und PR-Arbeit. Kurz gesagt: der vermutlich erste Reiseführer, nur ohne Bewertungsmöglichkeit.

Die sieben Weltwunder der Antike, aufgelistet

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  • Die Pyramiden von Gizeh (Ägypten): Das älteste und als einziges bis heute erhaltene Weltwunder der Antike.
  • Die Hängenden Gärten von Babylon (Irak): Sagenumwobene, mehrstöckige Oase aus Pflanzen und Terrassen.
  • Der Artemis-Tempel in Ephesos (Türkei): Prachtvoller Marmortempel, der Göttin der Jagd geweiht.
  • Die Zeusstatue des Phidias in Olympia (Griechenland): Monumentale Sitzstatue des Götterchefs aus Gold und Elfenbein.
  • Das Mausoleum von Halikarnassos (Türkei): Prunkvolles Grabmal für Mausolos II., das dem heutigen Begriff «Mausoleum» seinen Namen gab.
  • Der Koloss von Rhodos (Griechenland): Gigantische Bronzestatue des Sonnengottes Helios am Hafen der Insel Rhodos.
  • Der Leuchtturm von Pharos in Alexandria (Ägypten): Antikes technisches Meisterwerk, das Schiffen als Orientierung diente.

Listen, die Leben retten

  • 1935 stürzte in US-Bundesstaat Ohio eine Boeing ab. Grund war kein technischer Defekt, sondern ein «banaler» Fehler: Der Pilot hatte vergessen, eine Sicherung zu entriegeln. Ingenieure entwickelten daraufhin eine standardisierte Checkliste, die bis heute in jedem Cockpit vor dem Start durchgegangen wird.
  • Nach dem Vorbild der Luftfahrt veröffentlichte die WHO 2008 die erste Checkliste für den OP-Saal. Dank ihr wurden Komplikationen und Todesfälle reduziert.
  • 1789 führt Antoine Laurent de Lavoisier die Liste der chemischen Elemente ein. Seitdem werden Schülerinnen und Schüler damit im Chemieunterricht drangsaliert. Trotzdem gut zu wissen, dass man Uran am Finger nicht abschlecken sollte.
Schreibmaschienen-geschriebene Liste mit handgeschriebenen Notizen und Unterschrift.
Legende: Keine Luftfahrt ohne Liste: Selbst Astronaut Buzz Aldrin hatte eine Checkliste für seinen Mondflug (1969). Reuters / Brendan McDermid

Die gängigsten Listen

  • Einkaufsliste, weil Pizza ohne Käse einfach nicht schmeckt.
  • Wer stirbt, gibt im Deutschen den Löffel ab – im Englischen tritt man den Eimer («to kick the bucket»). Auf der Bucket List steht alles, was man zu Lebzeiten noch tun will.
  • Pro-Contra-Liste: Was spricht für den neuen Job, was für den alten? «Job» wahlweise austauschbar mit Automarke, Haustier, Mann … Schreib’ ich da gerade eine Liste in der Liste?! Dopaminrush!

Ich habe fertig

  • Erledigte Dinge auf einer Liste zu streichen, aktiviert das Belohnungssystem im Hirn.
  • Erledigte Listen sind ein sichtbarer Beleg der eigenen Arbeit. Man sollte sie aufhängen und sich zum getanen Werk gratulieren. Denn: Dopamin sorgt für Erfolgserlebnisse, und Wertschätzung kann man sich auch selbst geben, sagt Fachfrau Caroline Theiss.
  • Wer Listen schreibt, steckt in der Zukunft – sie saugen uns aus dem Erleben im Moment. Darum: Listen auch mal zur Seite legen.

Ausstellungshinweis

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Die aktuelle Ausstellung «Listed Lives» in Zürich zeigt, dass Listen viel mehr sind, als einfach nur banale Alltagswerkzeuge. Sie erzählen auch, wie wir leben, denken und uns selbst strukturieren.

Gezeigt werden künstlerische Positionen, die Listen aus ästhetischem, performativem und dokumentarischem Blickwinkel beleuchten. Dabei reicht das Spektrum von intimen persönlichen Arbeiten bis hin zu digitalen Datensystemen.

Das Musée Visionnaire in Zürich ist ein kleines, unabhängiges Kunstmuseum, das sich auf Art Brut und Outsider Kunst spezialisiert hat – also Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die ausserhalb des etablierten Kunstbetriebs arbeiten.

«Listed Lives» läuft im Musée Visionnaire bis 20. Dezember.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 15.06.2026, 8:06 Uhr

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