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Emil Ferris Die Frau, die mit Kugelschreiber Comicgeschichte schrieb

Emil Ferris wurde mit «My Favorite Thing Is Monsters» über Nacht zur gefeierten Comicautorin. Hinter dem Erfolg steckt die ungewöhnliche Geschichte einer Frau, die nach einer Lähmung wieder zeichnen lernte.

Gewisse Sachen weiss Emil Ferris ganz sicher. Zum Beispiel, dass ihr bald eine Katze zulaufen wird, die auf den Namen Ralph hört. «Ich weiss es einfach», versichert die Künstlerin mit dem grauen Lockenkopf. Ein bisschen verschroben ist sie und sehr charmant.

Frau in schwarzem Hut steht in einer Kunstgalerie neben einem Fenster mit Zeichnungen.
Legende: Ein Hauch von Hexe, aber äusserst bezaubernd: Emil Ferris zu Besuch im Cartoonmuseum Basel, das der US-Amerikanerin eine grosse Ausstellung widmet. Cartoonmuseum Basel / Derek Li Wan Po

Zur Pressekonferenz ihrer ersten Schweizer Ausstellung im Cartoonmuseum Basel hat sie einen Hexenhut mitgebracht und setzt ihn auch gerne auf. Das passt: Emil Ferris verzaubert seit fast zehn Jahren das Publikum mit ihren Graphic Novels. Sie gelten als Meilenstein des modernen Comic.

Notizbuch, nonstop

Die beiden Bände von «My Favorite Thing Is Monsters» (2017 und 2024 erschienen) erzählen von Karen, einem Werwolfmädchen, das Horrorgeschichten und Detektive liebt. Die Aussenseiterin zeichnet ständig in ihr Notizbuch. Und dieses Notizbuch halten die Leserinnen und Leser von «My Favorite Thing Is Monsters» in ihren Händen.

Zeichnung eines cartoonartigen Charakters mit grossen Ohren und spitzen Zähnen.
Legende: Werwolf Karen, zentrale Figur in Emil Ferris' gefeierter Graphic-Novel-Reihe «My Favorite Thing is Monsters». Ihre Zeichnungen fertigt sie ausschliesslich mit Kugelschreiber an – seit frühen Kindertagen. Emil Ferris

Emil Ferris ist als Erzählerin mit allen Wassern gewaschen und erzeugt mit Karens Geschichte einen ungeheuren Sog. Die Künstlerin erklärt, sie habe nach einer Situation gesucht, der man als Leserin nicht entkommen könne: «Wie wenn du ein fremdes Tagebuch findest. Du weisst, du solltest das nicht lesen, du solltest es zurückgeben. Aber du kannst einfach nicht aufhören.»

Am Anfang war der Kugelschreiber

Als kreative Inspiration dienen Emil Ferris Horror-Comic-Heftchen und Gruselfilme genauso wie das Bildarsenal der klassischen Kunstgeschichte. Erinnertes und Gegenwärtiges steht im Comic gleichwertig nebeneinander. Manches ist gekritzelt, anders sorgfältig komponiert.

«My Favorite Thing Is Monsters»

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Als 2017 der erste Band der Graphic Novel erschien, wurde er als Sensation gefeiert. Emil Ferris gewann zahlreiche Preise: vom Eisner Award über den Fauve d’Or des Festivals in Angoulême bis zum Max und Moritz-Preis. Der schwierigen Entstehungsgeschichte hat Emil Ferris einen eigenen Mini-Comic gewidmet, der 2017 im Chicago Magazine erschien.

2024 komplettierte Band zwei die Geschichte, abgeschlossen ist sie noch nicht. Seit Jahren gibt es Gerüchte über eine Fortsetzung. In Basel bestätigte Emil Ferris, dass sie an einem Prequel arbeite.

Karens Geschichten spielen im Chicago der 1960er-Jahre. Im Zentrum stehen Aussenseiterinnen: das einsame Mädchen Karen, ihre Nachbarin Anka, die den Holocaust überlebte, sowie Prostituierte und Säuferinnen. Es ist alles andere als eine heile Welt, Armut ist ebenso präsent wie Gewalt und Rassismus.

Atemlos treibt Ferris diverse Geschichten nebeneinander voran, erzählt mit Lust an harten Schnitten und findet immer wieder zu ganzseitigen tableaus, die der Splatter-Ästhetik ebenso huldigen wie Delacroix oder Leonardo da Vinci.

Für ihre virtuosen Zeichnungen nutzt Emil Ferris ausschliesslich Kugelschreiber: «Ich hatte keine andere Wahl!» Sie erinnert sich, wie sie als Mädchen einen Spiralblock und zwei Kugelschreiber bekam. Einer schwarz, der andere blau. «Und plötzlich tat sich eine Welt auf.»

Zwei Menschen mit Plakat 'Make Love Not War', Blumenmuster an Kleidung.
Legende: Eine Seite aus «My Favorite Thing is Monsters», einer Art Detektivroman in Notizbuchform: Aussenseiter aller Art und Couleur bevölkern das Universum der Emil Ferris. Emil Ferris

Ferris’ eigene Geschichte ist genauso spannend wie die ihrer Figuren. Die Tochter eines Künstlerpaars litt als Kind an einer verdrehten Wirbelsäule und konnte sich kaum bewegen. Also zeichnete sie und erfand Geschichten.

Als Erwachsene erkrankte sie am West-Nil-Virus und war gelähmt. Ferris kämpfte sich zurück, lernte wieder laufen und ihre Hand zu bewegen, um ihre erste Graphic Novel «My Favorite Thing Is Monsters» zu zeichnen.

Porträt einer Person mit offenen anatomischen Details, umgeben von kindlichen Zeichnungen.
Legende: Dieses Selbstporträt ist das erste Bild, das Emil Ferris nach der Lähmung wieder zeichnete – mit einem Kugelschreiber, der mit Klebeband an ihrer Hand befestigt war. Emil Ferris

«Ich wollte eine bedeutende Geschichte erzählen», sagt die Künstlerin. Eine Geschichte, die Aussenseiterinnen und Aussenseiter aus der Einsamkeit holt und sie lehrt, mit dem Werwolfmädchen Karen das eigene Aussenseitertum zu feiern.

Emil Ferris schreibt also nicht nur verteufelt gute Comics. Sondern stiftet als gute amerikanische Hexe Trost und Gemeinschaft unter allen Ausgeschlossenen im Team Weirdo. Ich bin auf alle Fälle dabei.

Ausstellungs- und Buchhinweis

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Die Ausstellung «Emil Ferris. Between Selves» ist bis am 15. November 2026 im Cartoonmuseum Basel zu sehen. Die beiden Bände von «My Favorite Thing Is Monsters» sind auf Englisch bei Fantagraphics Books erschienen und in der deutschen Übersetzung bei Panini.

SRF 1, 10vor10, 15.07.2025, 21:50 Uhr.

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