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Autor trotzt Repressionen «Wenn man Gewalt akzeptiert, wird sie Teil der Gesellschaft»

Nach der Veröffentlichung seines Romans «Huris» über die Traumata des algerischen Bürgerkriegs, geriet der algerisch-französische Autor Kamel Daoud in seiner Heimat unter Druck. Im April wurde er in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt. Heute lebt er im Exil in Frankreich. Wie behält man den Mut, unter politischem Druck trotzdem weiterzuerzählen?

Kamel Daoud

Schriftsteller

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Kamel Daoud, geboren 1970 in Mostaganem, Algerien, zählt zu den wichtigsten französischsprachigen Autoren der Gegenwart. Der ehemalige Journalist lebt heute in Frankreich. Für seinen Roman «Huris», der den algerischen Bürgerkrieg thematisiert, erhielt er 2024 den Prix Goncourt, die bedeutendste literarische Auszeichnung Frankreichs.

Seine kritischen Positionen zu Politik, Religion und Gesellschaft haben ihn zu einer der umstrittensten Stimmen der frankofonen Literatur gemacht.

Bildquelle: IMAGO /ABACAPRESS

SRF: Wie erklärt man jemandem in Europa politische Repression?

Kamel Daoud: Das kann man nicht wirklich erklären. Schmerz lässt sich nicht vollständig vermitteln. Man kann Bücher darüber schreiben, aber wenn jemand in einer sicheren Umgebung lebt, verschliesst sich oft der Geist. Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Das ist normal. Es gibt Dinge, die sich nicht weitergeben lassen. So wie auch die Leiden früherer Generationen nie vollständig vermittelt werden konnten.

Sie haben während Jahrzehnten als Journalist und Autor in Algerien gearbeitet und die politischen Verhältnisse immer wieder kritisiert. Wie konnten Sie sich so lange kritisch äussern, ohne ernsthafte Konsequenzen zu bekommen?

Algerien hat sich nach 2019 stark verändert. Davor war das System autoritär und hart, aber es achtete noch auf sein internationales Image. Ausserdem war ich bekannt, das kann schützen. Heute ist die Macht brutaler: Verhaftungen und Geiselnahmen geschehen. Da wurde es für mich zu gefährlich. Aber glauben Sie mir: Es braucht mehr Mut, ein Land zu verlassen, als dortzubleiben. Man lässt sein ganzes Leben zurück. Die Leute sagen zu mir: «Sie hatten Mut, bis 2023 dort zu bleiben.» Nein, der Mut war, zu gehen!

Ihren Roman «Huris», für den Sie 2024 den Prix Goncourt erhielten, haben Sie bereits im französischen Exil geschrieben. War dieses Buch für Sie eine Art persönlicher Neuanfang?

Ja. Es ist nicht nur ein Roman über den Bürgerkrieg, sondern darüber, wie man einen Krieg und den Schmerz überlebt. Es ist ein Roman der Rettung, der Wiedergeburt, der Rückkehr ins Leben.

Worum geht es im Buch?

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In «Huris» erzählt Kamel Daoud die Geschichte von Aube, einer jungen Algerierin, die als Kind das Massaker an ihrer Familie während des Bürgerkriegs überlebte. Terroristen durchschnitten ihr die Kehle, seither kann sie kaum sprechen.

Jahre später kehrt sie in ihr Heimatdorf zurück, um sich der Vergangenheit zu stellen. In einem inneren Dialog mit ihrem ungeborenen Kind erzählt sie von ihrer Familie, den Traumata des Bürgerkriegs und der Rolle der Frauen in Algerien.

Am Ende verändert sich die Heldin. Es ist ein Roman der Hoffnung. Ich wollte nicht nur über den Krieg schreiben, sondern zeigen: Es gibt ein Leben danach.

Algerien ist ein wunderschönes Land mit einer heroischen Geschichte, aber auch mit einer Geschichte der Gewalt.

In «Huris» setzen Sie sich mit den Folgen des algerischen Bürgerkriegs auseinander. Wo sehen Sie die Wurzeln religiöser und politischer Gewalt?

Algerien ist ein wunderschönes Land mit einer heroischen Geschichte, aber auch mit einer Geschichte der Gewalt. Das Problem ist, dass Gewalt als sinnvoll oder positiv dargestellt wurde, etwa im Kampf um Freiheit. Das verstehe ich. Aber danach bleibt diese Gewalt bestehen. Wenn man Gewalt einmal als Wert akzeptiert, wird sie Teil der Gesellschaft. Das ist gefährlich.

Es gibt kein Heldentum in der Gewalt.

Ihr Roman zeigt, wie Gewalt über Generationen hinweg nachwirkt. Was kann man diesem Kreislauf entgegensetzen?

Wenn Probleme nicht gelöst werden, kehren sie zurück, oft stärker. Ich selbst reagiere nicht auf Angriffe, weil ich den Kreislauf der Gewalt nicht weiterführen will. Der wahre Mut liegt darin, zu sagen: Ich höre auf. Nicht darin, recht zu behalten. Es gibt kein Heldentum in der Gewalt.

Sie leben im Exil und werden wegen ihrer Arbeit immer wieder angefeindet. Haben Sie Angst? Fürchten Sie die Folgen Ihrer öffentlichen Positionen und Ihres Schreibens?

Ja, wie viele andere. Vor allem, wenn meine Familie betroffen ist. Aber wenn ich schreibe, vergesse ich diese Angst.

Was vermissen Sie im Exil am meisten an Ihrer Heimat?

Meine Bäume, die Menschen, das Grab meiner Eltern, mein Dorf, das Mittelmeer. Das fehlt mir sehr.

Das Gespräch führte Annette König.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz-Talk, 6.7.2026, 9:00 Uhr ; 

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