Ein Mord, eine Leiche, ein blutverschmierter Tatort und die Frage: Wer ist’s gewesen? «Die Auster» von Yael Inokai enthält alle klassischen Zutaten eines Krimis.
Yael Inokai, 37 Jahre alt, stammt aus Basel und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Genau dort, in der deutschen Hauptstadt, ist auch die Handlung von «Die Auster» angesiedelt.
Ausgangssituation ist die: Dr. Joachim Bronstett, schwerreicher Geschäftsführer eines Luxus-Kaufhauses, wird in seiner Villa ermordet. Der Täter – oder die Täterin – hat ihm zudem beide Hände abgetrennt.
Eine Putzkraft ermittelt
Gefunden wird die Leiche von Leonora Bloch. Sie ist Dr. Bronstetts Putzkraft. Jahrzehntelang hat sie zweimal die Woche sein modernes Haus gereinigt: das Parkett mit Fussbodenheizung, die grossen Fenster. Die edlen Seidenkrawatten hat sie sortiert. Seine verchromte Stehlampe abgestaubt.
Der Tod ihres Arbeitgebers ist für Leonora Bloch ein Schock: Als sie die Leiche auf dem Boden findet, beginnt sie, das Haus zu putzen – und zwar gründlich –, anstatt die Polizei zu rufen. Kein Wunder, dass Bloch zunächst selbst ins Visier der Ermittler gerät.
Schliesslich beginnt sie aber, eigene Nachforschungen anzustellen. Und so entdeckt die Reinigungskraft ihr Faible fürs Detektivische. Eine gute Beobachtungsgabe hat sie jedenfalls: Selbst die kleinste Veränderung in Dr. Bronstetts Haus fällt ihr auf.
Krimi mit einer Prise Gesellschaftskritik
Yael Inokai belässt es aber nicht beim Krimi-Plot mit ungewöhnlicher Ermittlerin. Sie würzt die Handlung mit Kritik an der Schere zwischen Arm und Reich. Erzählt wird nämlich aus der Perspektive der Putzkraft. In ihre prekäre Lebenswelt tauchen wir ein: Sie ist über 70. Die Rente reicht nicht, daher ist sie darauf angewiesen, weiterhin zu arbeiten. Jeden Cent muss sie umdrehen, während ihr nunmehr verstorbener Chef im Geld geschwommen ist.
Die arme Putzfrau, der reiche Geschäftsführer: eine zunächst eher holzschnittartig klingende Anlage für einen Roman. Yael Inokai füllt diese aber mit bildhaften Details, mit Gefühlen und – obwohl ein Tod am Anfang steht – mit Leben. Denn wir lernen Leonora Bloch genauer kennen, ihre verborgenen Seiten. Wir erfahren, dass ihr Leben trotz Armut ein reiches ist.
Spass beim Schreiben, Spass beim Lesen
Yael Inokais bisherige drei Romane waren ernste, anspruchsvolle Werke. Mit «Ein simpler Eingriff», einem Buch über Frauen, deren Persönlichkeit mittels Operationen am Gehirn verändert werden sollte, war die Autorin 2022 sogar für den Deutschen Buchpreis nominiert. Gut möglich, dass sie diese Ehrung, diese Aufnahme in den «Literatur-Olymp», auch ein wenig befreit hat, sich nun einmal an etwas weniger Gehobenes zu wagen.
«Beim Schreiben von ‹Die Auster› hat mich das Gefühl begleitet: Ernste Literatur, ernste Themen – das kann ich. Und jetzt möchte ich mal ein bisschen Spass haben, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen», sagt Inokai.
Dass sie Spass hatte beim Schreiben, das merkt man dem Buch an. Die Freude überträgt sich beim Lesen. Spannung, Ernsthaftigkeit und bisweilen sogar komödiantische Szenen halten sich in «Die Auster» die Waage. Das alles in einem süffigen Stil verfasst. Fazit: Yael Inokai kann auch Krimi.