Der Witz aber ist: Jelinek lässt die Tiere sprechen. Tiere erzählen von den Menschen, auch wenn der Titel suggeriert, dass der eine oder andere Mensch, von dem hier die Rede ist, im Grunde genommen ein Schwein ist. Im Text steht das nicht. Aber der Gedanke schwingt beim Lesen immer mit.
Bären bis Benko
«Unter Tieren» ist Kapitalismuskritik: Affen, Tauben, Bären, Dachse, der schlaue Fuchs natürlich und sogar das Lamm Gottes – sie alle treten auf, beobachten und beschreiben den Menschen in seiner Gier nach Geld und Macht und auch das Geld selbst. Sie erkennen, unter vielem anderen, dass Kredite an kleine Leute kaum möglich sind, an grosse jedoch schon. Warum eigentlich? Wo doch die Grossen auch keine Sicherheiten zu bieten haben. Ausser maroden Gebäuden in entvölkerten Innenstädten.
Und so sind wir schon bei René Benko, Inverstor und Verursacher des grössten Insolvenzfalls der österreichischen Geschichte. Die Tauben sind es, die davon berichten. Aus der Vogelperspektive sehen sie die Gebäude, die leer stehenden, die immer noch Zeugnis geben von Sicherheiten, die keinen Wert mehr haben. Auch der Betrugsfall bei der Commerzialbank im burgenländischen Mattersburg, der Österreich über Monate auf Trab gehalten hat, wird aufgerollt, wie so manch andere skandalträchtige Geschichte, bei der die Kleinen bezahlen, was die Grossen verdienen. Und dann verbocken.
Sein und Eisbein
Das eigentliche Ereignis an diesem Text ist aber nicht die Kapitalismuskritik, die bei Jelinek nichts Neues mehr ist, sondern der Text selbst (auch das ist nicht neu, verdient aber jederzeit grosse Anerkennung): Jelineks Sprachmächtigkeit, die ihresgleichen sucht. Und ihre Bezugspunkte in der Philosophie. So bewegt sie sich in ihrer Kapitalismuskritik gekonnt zwischen Plato und Marx und widerlegt im Vorbeigehen auch gleich noch den Vorsokratiker Parmenides und seinen Satz, wonach das Seiende ist und das Nichtseiende nicht. Denn wie, so fragt Jelinek durch ihre sprechenden Tiere hindurch, sei es denn sonst zu erklären, dass etwas Nichtseiendes wie Benkos Vermögen am Anfang seines Weges, zu etwas ganz, ganz, ganz viel Seiendem werden konnte? Wenn auch nur vorübergehend.
Und das führt zu Jelineks Humor. Oft wird der unterschlagen, wenn von der streitbaren Österreicherin die Rede ist. Dabei verfügt sie immer schon über diesen lakonischen, beissenden, bösen Spott, der ihre Stücke zu Theaterereignissen macht. Genauso wie einst bei Thomas Bernhard. «Ach könnte ich doch wegrennen», sagt etwa das Schwein in Jelineks Text kurz vor seiner Schlachtung, «ich bin aber das Rennen nicht gewohnt. Ich habe Eisbeine.»
Vermittlungsarbeit in Salzburg
Nun ist das Buch also draussen. 215 Seiten sind es geworden, die es nun zu lesen gilt. Geboren aber wird es erst, wenn man es auch sehen und hören kann. Denn klar ist auch: Jelineks Texte sind dermassen dicht, dass es nicht schaden kann, wenn gute Schauspielerinnen und Schauspieler sich die nächsten paar Wochen lang mit diesem Text beschäftigen – um ihn dann sehr viel einfacher zu vermitteln, als das Buch es kann. Insofern kann man sich auf die Uraufführung am 16. August an den Salzburger Festspielen durch das Wiener Burgtheater nur freuen.