Als Erstes bittet Jo Nesbø im Fenster des Video-Calls um einen Moment, um sein Müsli fertig zu essen. Er ist in Griechenland, gerade zurück vom Felsenklettern und muss sich kurz stärken. Als Urlaub nehme er seine Zeit in Griechenland nicht wahr, sagt der Krimi-Superstar: «Wenn man meinen Job hat, ist man überall ein wenig am Arbeiten.» Seine kreativsten Einfälle habe er im Halbschlaf. Auch ins Bett begleitet ihn die Arbeit also.
Gesellschaft im Fokus des Krimis
Der Norweger Nesbø ist einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren Skandinaviens. Berühmt wurde er ab 1997 mit der Romanreihe um den Ermittler Harry Hole, die es seit diesem Frühling als Netflix-Serie gibt.
Alle Menschen haben die Fähigkeit, Gewalt anzuwenden, um zu bekommen, was sie wollen. Das wollte ich aufzeigen.
Jo Nesbøs Krimis passen ins typische Schema der skandinavischen Kriminalliteratur: Ermittelt wird nicht von glänzenden Helden, sondern von Versehrten, die Traumata oder Krankheiten mit sich herumtragen. Und nicht nur der Plot des Kriminalfalls spielt eine Rolle, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände, in denen er sich abspielt.
Dass viele von Nesbøs Romanen von brutaler Gewalt geprägt sind, gehöre für ihn schlicht dazu: «Ich glaube, wir Menschen haben alle die Fähigkeit zur Gewalt in uns, um zu bekommen, was wir wollen.»
Die beiden «neuen Nesbøs»
Anlass für das Gespräch mit Nesbø sind zwei Bücher, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind: «Insel der Ratten» und «Minnesota».
Obwohl schon frühere Romane von Nesbø auf der ganzen Welt spielten (etwa in Thailand oder Australien), fällt auf, dass gleich beide aktuellen Romane in den USA spielen. «Insel der Ratten» verhandelt am Beispiel der USA die Frage, wie viel die Menschheit angesichts einer globalen Katastrophe vom anarchistischen Chaos trennt. Laut Jo Nesbø ist das lediglich «eine feine Schicht von Zivilisation». Es brauche wenig, um sie zu durchbrechen.
«Minnesota» dreht sich um Waffen- und Drogenhandel und die gespaltene Gesellschaft in Minneapolis, insbesondere nach der Tötung von George Floyd durch einen Polizeibeamten im Mai 2020.
Die USA sind die wichtigste einzelne Nation für die westliche Zivilisation – sie sind ein Land, das uns alle angeht.
Dieser Fokus auf die Vereinigten Staaten ist kein Zufall, gibt Jo Nesbø zu: «Die USA sind die wichtigste einzelne Nation für die westliche Zivilisation – sie sind ein Land, das uns alle angeht.» Darum habe es auch auf der Hand gelegen, die USA als Hintergrund für die zivilgesellschaftlichen Überlegungen von «Insel der Ratten» zu wählen.
Terroralarm auf Recherchereise
Trotz des grossen politischen Gehalts sagt Nesbø: «Es geht mir nicht darum, eine politische Agenda zu verbreiten mit meinen Romanen.» Er sehe die Fiktion als Werkzeug, um zu fragen, wie Menschen miteinander umgehen. Darum setze er bei seinen USA-Romanen auf die «Perspektive eines informierten Aussenseiters», erklärt er. So könnten zu kontroversen Themen konträre Stimmen zu Wort kommen.
Für diese Perspektive sei eingehende Recherche notwendig gewesen, auch vor Ort, erzählt der Autor. «In Minneapolis habe ich auf der Recherchereise versehentlich einen Terroralarm ausgelöst», schmunzelt er: In einem Einkaufszentrum wollte er vom Personal wissen, «ob es im Parkhaus möglich wäre, jemanden zu erschiessen, und wo man vielleicht auf eine Mauer klettern könnte, damit es klappt» – und prompt seien sowohl die Polizei als auch der Gouverneur eingeschaltet worden.