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Norwegischer Thriller-Star Jo Nesbø: «Bei der Recherche löste ich einen Terroralarm aus»

Im Hintergrund seiner Krimis geht es um grosse gesellschaftliche Fragen: Zivilisation gegen Anarchie, Selbstjustiz, Waffengesetze, Rache. Auf Recherchereise löst er auch mal aus Versehen Terroralarm aus. Eine Begegnung mit dem norwegischen Thriller-Star Jo Nesbø.

Als Erstes bittet Jo Nesbø im Fenster des Video-Calls um einen Moment, um sein Müsli fertig zu essen. Er ist in Griechenland, gerade zurück vom Felsenklettern und muss sich kurz stärken. Als Urlaub nehme er seine Zeit in Griechenland nicht wahr, sagt der Krimi-Superstar: «Wenn man meinen Job hat, ist man überall ein wenig am Arbeiten.» Seine kreativsten Einfälle habe er im Halbschlaf. Auch ins Bett begleitet ihn die Arbeit also.

Gesellschaft im Fokus des Krimis

Der Norweger Nesbø ist einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren Skandinaviens. Berühmt wurde er ab 1997 mit der Romanreihe um den Ermittler Harry Hole, die es seit diesem Frühling als Netflix-Serie gibt.

Alle Menschen haben die Fähigkeit, Gewalt anzuwenden, um zu bekommen, was sie wollen. Das wollte ich aufzeigen.
Autor: Jo Nesbø Autor

Jo Nesbøs Krimis passen ins typische Schema der skandinavischen Kriminalliteratur: Ermittelt wird nicht von glänzenden Helden, sondern von Versehrten, die Traumata oder Krankheiten mit sich herumtragen. Und nicht nur der Plot des Kriminalfalls spielt eine Rolle, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Umstände, in denen er sich abspielt.

Dass viele von Nesbøs Romanen von brutaler Gewalt geprägt sind, gehöre für ihn schlicht dazu: «Ich glaube, wir Menschen haben alle die Fähigkeit zur Gewalt in uns, um zu bekommen, was wir wollen.»

Die beiden «neuen Nesbøs»

Anlass für das Gespräch mit Nesbø sind zwei Bücher, die dieses Jahr auf Deutsch erschienen sind: «Insel der Ratten» und «Minnesota».

Kurzübersicht: Die Romane «Insel der Ratten» und «Minnesota»

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Insel der Ratten

In diesem Roman beschreibt Jo Nesbø ein Endzeitszenario nach einer weltweiten Pandemie (das Buch erschien in der norwegischen Originalausgabe bereits 2021). In den USA ist der Rechtsstaat zusammengebrochen, und es herrscht Anarchie: Strassengangs plündern, morden und vergewaltigen nach Belieben. Die Reichsten versuchen derweil, sich auf eine Art moderne Arche Noah zu retten: ein Schiff, das mehrere Jahre autark auf den Weltmeeren kreuzen wird, bis sich die Lage an Land hoffentlich beruhigt hat. Zwischen dem Superreichen Colin Lowe und dessen ehemaligem Anwalt Will entspinnt sich eine erbitterte Rachegeschichte, weil Colins Sohn – der Anführer einer Motorradgang – Wills geliebte Tochter brutal ermordet hat.

Viel bildlich geschilderte Gewalt, das Buch rührt an Fragen über Zivilisation, Macht, Selbstjustiz und Gerechtigkeit. Die Figuren erklären ihre Motivationen etwas zu häufig selbst.

Jo Nesbø: «Insel der Ratten». Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein, 2026.

Minnesota

In Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota treibt ein Killer sein Unwesen: Nach und nach schaltet ein Unbekannter immer mehr Personen aus dem Umfeld des illegalen Waffen- und Drogenhandels in der Stadt aus. Erstmals bei Jo Nesbø tritt der Ermittler Bob Oz auf, ein trinkender Frauenheld mit viel emotionalem Gepäck, der sich selbst nicht besonders gut unter Kontrolle hat. Oz wird von Fans bereits als US-Nachfolger des legendären Norwegers Harry Hole gehandelt.

Neben dem eigentlichen Kriminalfall zeichnet Nesbø in diesem Roman ein Portrait der US-amerikanischen Gesellschaft, die an Fragen über Waffenbesitz und -handel sowie Gewalt durch die Behörden tief gespalten ist.

Jo Nesbø: «Minnesota». Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob. Ullstein, 2026.

Obwohl schon frühere Romane von Nesbø auf der ganzen Welt spielten (etwa in Thailand oder Australien), fällt auf, dass gleich beide aktuellen Romane in den USA spielen. «Insel der Ratten» verhandelt am Beispiel der USA die Frage, wie viel die Menschheit angesichts einer globalen Katastrophe vom anarchistischen Chaos trennt. Laut Jo Nesbø ist das lediglich «eine feine Schicht von Zivilisation». Es brauche wenig, um sie zu durchbrechen.

«Minnesota» dreht sich um Waffen- und Drogenhandel und die gespaltene Gesellschaft in Minneapolis, insbesondere nach der Tötung von George Floyd durch einen Polizeibeamten im Mai 2020.

Die USA sind die wichtigste einzelne Nation für die westliche Zivilisation – sie sind ein Land, das uns alle angeht.
Autor: Jo Nesbø Autor

Dieser Fokus auf die Vereinigten Staaten ist kein Zufall, gibt Jo Nesbø zu: «Die USA sind die wichtigste einzelne Nation für die westliche Zivilisation – sie sind ein Land, das uns alle angeht.» Darum habe es auch auf der Hand gelegen, die USA als Hintergrund für die zivilgesellschaftlichen Überlegungen von «Insel der Ratten» zu wählen.

Terroralarm auf Recherchereise

Trotz des grossen politischen Gehalts sagt Nesbø: «Es geht mir nicht darum, eine politische Agenda zu verbreiten mit meinen Romanen.» Er sehe die Fiktion als Werkzeug, um zu fragen, wie Menschen miteinander umgehen. Darum setze er bei seinen USA-Romanen auf die «Perspektive eines informierten Aussenseiters», erklärt er. So könnten zu kontroversen Themen konträre Stimmen zu Wort kommen.

Für diese Perspektive sei eingehende Recherche notwendig gewesen, auch vor Ort, erzählt der Autor. «In Minneapolis habe ich auf der Recherchereise versehentlich einen Terroralarm ausgelöst», schmunzelt er: In einem Einkaufszentrum wollte er vom Personal wissen, «ob es im Parkhaus möglich wäre, jemanden zu erschiessen, und wo man vielleicht auf eine Mauer klettern könnte, damit es klappt» – und prompt seien sowohl die Polizei als auch der Gouverneur eingeschaltet worden.

Radio SRF 2 Kultur: «Kulturplatz Talk», 20.7.2026, 9:05 Uhr.

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