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Südafrikanischer Jazzpianist Abdullah Ibrahim – der Heiler mit 88 Tasten

Schon mit 15 wurde er Berufsmusiker, und bis ins hohe Alter zog es ihn immer wieder auf die Bühne und ins Studio. Abdullah Ibrahim zählt damit zu den Jazzgrössen mit einer der längsten Karrieren überhaupt. Am 15. Juni 2026 ist der südafrikanische Pianist im Alter von 91 Jahren gestorben.

Wer zum ersten Mal Abdullah Ibrahims wichtigstes Stück «Mannenberg» hört, empfindet dieses wahrscheinlich als fröhlich und leicht. Es groovt sanft, ist mit feinen kleinen Trillern verziert, klingt folkig – mit einer Prise Gospel und ist für Jazzverhältnisse sehr zugänglich.

Doch harmlos ist Abdullah Ibrahims Musik deshalb nicht. Sie steht für einen jahrzehntelangen Protest gegen Südafrikas Apartheidsystem.

Lebenslauf führt über Zürich

Adolph Johannes Brand kommt 1934 in Kapstadt zur Welt und verliebt sich früh in den Jazz, der damals aus den USA nach Südafrika schwappt. Doch der emanzipatorische Jazz wird vom Apartheidregime unterdrückt, weshalb Dollar Brand – wie er damals hiess – 1962 das Land verlässt.

Er geht nach Europa – unter anderem nach Zürich. Im renommierten Jazzclub «Africana» im Niederdorf bekommt er ein Engagement und wird dort schliesslich vom grossen Duke Ellington entdeckt, der gerade auf Europatournee ist und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Konversion und Namensänderung

Ab Ende der 1960er-Jahre lebt und arbeitet Dollar Brand auch in New York und bewegt sich dort in der Jazzszene. 1968 konvertiert er zum Islam, ändert seinen Namen zu Abdullah Ibrahim und stellt sein Leben stärker unter ein spirituelles Vorzeichen.

Er ist überzeugt: Musik ist kein Vehikel zur Selbstdarstellung, sondern ein Mittel, um Menschen zu erreichen – und zu heilen.

Inoffizielle Landeshymne

Abdullah Ibrahim kehrt immer wieder nach Südafrika zurück und nimmt dort auch Musik auf. 1974 erscheint das Stück «Mannenberg», das nach einem Quartier in Kapstadt benannt ist – einem Township, das durch die Apartheidpolitik entstanden ist.

Das fast 14-minütige Stück wird zum Symbol gegen die Apartheid. Die Schallplatte kursiert weit über das Land hinaus und erhält einen beinahe mythischen Ruf – auch Geschichten, wonach sie politische Gefangene auf Robben Island erreicht haben soll.

Zerrissenheit zwischen Heimat und Exil

«Mannenberg» macht Abdullah Ibrahim weltberühmt – gleichzeitig bleibt sein Leben lange vom Exil geprägt, vor allem in den USA.

1990 kommt Nelson Mandela frei und wird 1994 zum Präsidenten gewählt. In dieser Zeit kehrt auch Abdullah Ibrahim wieder nach Südafrika zurück und spielt an Mandelas Amtseinführung. Allmählich versöhnt sich Ibrahim mit seiner Heimat. Dies kommt insbesondere in späteren Stücken wie «Cape Town» oder «The Mountain» zur Geltung.

Lange Karriere

Mit japanischer Kampfkunst hält Abdullah Ibrahim seinen Körper bis ins hohe Alter fit, was ihm auch seine lange Bühnenkarriere ermöglicht.

Insbesondere das Solospielen bleibt bis zum Ende von Abdullah Ibrahims Karriere zentral. Sein gepflegter Tastenanschlag und die in sich ruhende Art zu improvisieren berühren und begeistern ein grosses Publikum, das ihm bis zuletzt treu bleibt.

Am 27. März 2026 gibt Abdullah Ibrahim in Kapstadt sein letztes Konzert, ein Soloauftritt am Klavier, mit dem sich ein symbolischer Kreis schliesst.

Nur drei Monate später, am 15. Juni, stirbt Abdullah Ibrahim in seiner deutschen Wahlheimat Prien am Chiemsee.

Radio SRF2 Kultur, Kultur-Aktualität, 16.6.2026, 7:00 Uhr.

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