Obwohl die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung einen Kinderwunsch hat, ist die Geburtenrate auf einem historischen Tiefstand: Frauen bringen im Schnitt nur noch 1,29 Kinder zur Welt. Deutlich weniger als die 2,1 Kinder, die es – ohne die Zuwanderung gerechnet – für eine stabile Bevölkerung bräuchte.
Der Demografie-Experte Henrik Budliger sieht Handlungsbedarf und warnt eindringlich vor den Folgen, wenn die Geburtenrate nicht steigt: Ab 2030 drohen mehr Todesfälle als Geburten, die Folgen sind Finanzierungsprobleme der Vorsorgewerke und ein Mangel an Fachkräften. «Das wird sehr unbequem», so Budliger.
Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Hohe Kosten für Wohnen, Kinderbetreuung und Lebenshaltung machen die Familienplanung oft zur finanziellen Herausforderung. Auch das durchschnittliche Alter bei der ersten Geburt steigt – heute liegt es bei über 31 Jahren. Wer später Kinder bekommt, hat insgesamt weniger Zeit für weitere Kinder. Gleichzeitig bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig, trotz Fortschritten bei Teilzeit und Betreuung.
Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen. Immer mehr Menschen verschieben Kinder zugunsten von Ausbildung und Karriere. Der Anteil der Personen, die sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden, ist innert 10 Jahren von 6 auf 17 Prozent gestiegen.
Zinsloses Darlehen vom Bund
Um diesem Trend entgegenzuwirken, stehen verschiedene Massnahmen zur Debatte. Ein Vorschlag von EVP-Nationalrat Marc Jost ist ein zinsloses Darlehen vom Bund in Höhe von 20'000 bis 50'000 Franken. Dieses soll Familien bei der Anschaffung einer grösseren Wohnung oder anderer notwendiger Dinge unterstützen und später zurückgezahlt werden.
Sarah Fuchs, Kantonsrätin FDP Kanton ZH, findet diese Idee spannend, gibt aber zu bedenken, dass die Finanzierung solcher Darlehen geklärt werden muss.
Familienergänzungsleistungen
Marc Jost erachtet Familienergänzungsleistungen als eine wichtige Massnahme, um zu verhindern, dass Familien mit geringem Einkommen in die Armut abrutschen und Sozialhilfe beziehen müssen. Jost sieht darin ein Mittel, um den Kinderwunsch zu erfüllen, auch wenn der wirtschaftliche Hintergrund eher schwierig ist.
Sarah Fuchs stimmt zu, dass es wichtig ist, dass Kinder nicht zum Armutsrisiko werden. Sie befürwortet die Unterstützung von Familien, die es brauchen, lehnt aber eine «Giesskannen-Verteilung» ab.
Familienzeit für die Startphase
Kontrovers wird die Familienzeit im Kontext einer Initiative diskutiert, die Müttern und Vätern bis zu 18 Wochen Elternzeit ermöglichen will. Marc Jost befürwortet die Einführung einer ausgedehnteren Familienzeit als wichtigen Schritt, um Eltern in der Startphase zu unterstützen. Sarah Fuchs erkennt das Bedürfnis an, lehnt die Initiative aber aufgrund der hohen Kosten und der Möglichkeit eines unbezahlten Urlaubs ab. Sie bevorzugt andere Entlastungsmassnahmen.
Die Politik kann die Rahmenbedingungen für Familien verbessern, doch die letztendliche Entscheidung über die Kinderzahl liegt bei den Einzelnen. Es bleibt eine komplexe Aufgabe, die vielfältige Massnahmen und ein Umdenken in der Gesellschaft erfordert, um die demografische Entwicklung in der Schweiz positiv zu beeinflussen.