«This ist the End of every song that we sing» – ist die erste Zeile, die Robert Smith am Mittwochabend beim einzigen diesjährigen Schweizer Konzert von The Cure am Paléo Festival in Nyon ins Mikrofon wispert.
Das Ende gleich zu Beginn
Es ist natürlich alles andere als das Ende. Es ist der Anfang einer gut zweistündigen Show, die so schaurig und schön, so klirrend kalt und gleichzeitig herzerwärmend wird, dass das Publikum kaum weiss, ob es frösteln oder schwitzen soll.
Der Song stammt von «Songs of a Lost World», dem neuesten Cure-Werk aus dem Jahr 2024. Dem ersten Nummer-1-Album in ihrer Heimat England seit über 30 Jahren, das ihnen ihren allerersten Grammy bescherte.
Es sind Lieder über Sterben und Verlust, mit den textlich üblichen Cure-Metaphern: die Dunkelheit und der Regen, Liebe, Einsamkeit.
Die eigene Sterblichkeit kommt näher
Das Ende gleich an den Anfang zu stellen, ist typisch für The Cure. Diese Band hat sich schon zu Beginn ihrer Karriere lieber mit dem Ende beschäftigt. In seinen besten Momenten als junger Mann klang Robert Smith, als läge er in den letzten Zügen.
Es war eine Romantisierung des Todes, mit der The Cure in den 80ern ein ganzes Genre, die Dark-Wave- und Gothic-Bewegung, lostraten. Heute wird bei The Cure und ihren Fans der Tod längst nicht mehr romantisiert. Die eigene Sterblichkeit kommt näher. Smith verlor in den vergangenen Jahren seine Eltern und seinen Bruder, der ihm das Gitarrespielen beibrachte.
Aber es ist noch immer dieselbe Schwermut, die niemand so beherrscht wie The Cure. Das Geheimnis dieser Band war schon immer, dass ihre Musik die dunkelsten Dinge thematisiert und dabei in grosser Schönheit erstrahlt.
Und so war es auch bei ihrem Auftritt am Paleo Festival, bei dem sie einen Querschnitt aus 11 Alben und 47 Jahren Karriere präsentiert. Zu Beginn noch hypnotisch langsam und zuweilen ausufernd. Aber immer mit glasklarem Sound und grosser Präzision. Frontmann Robert Smith hat nichts von seiner dunklen Strahlkraft verloren und seine Stimme bleibt scheinbar ewig jugendlich.
Zum Schluss ein Hitpotpurri
Mit fortlaufender Konzertdauer erhöhten The Cure die Schlagzahl an Hits, sodass es im Zugabenblock zu einem regelrechten Hit-Potpourri kam: «Friday I’m in Love», «Lullaby», «The Lovecats», «Close to me». Zuweilen wirkte dies fast zu routiniert heruntergespielt und liess die Zuschauer einigermassen sprachlos zurück.
Ohne Worte ans Publikum blieb übrigens auch Robert Smith während des gesamten Konzerts und konzentrierte sich mit seiner Band auf Präzision in seinem immensen Songrepertoire. Am besten waren sie am Paléo Festival, wenn sie sich Zeit liessen und die Gitarren zelebrierten.
Beim vielleicht beliebtesten Song der alten Fans, «A Forest», bei «Pictures of You» oder «A Night like this». Hier kamen die Leidenschaft und Vielseitigkeit zum Tragen, welche diese Band seit bald 50 Jahren so beeindruckend und einzigartig machen.
Und ganz zum Schluss feierte diese britische Rock-Institution dann doch noch den Anfang ihrer Karriere: «Boys don’t cry».
Mag sein, dass Jungs in den 80ern nicht weinten. Am Paléo haben sicher einige Männer (und Frauen) ein paar Tränen verdrückt.