Von klein auf lernen wir, dass wir unsere eigenen Interessen verfolgen und unsere persönlichen Ziele erreichen sollen, um glücklich zu sein. «Finde heraus, was du willst, und kämpfe dafür», so lautet die unausgesprochene Maxime unserer Leistungsgesellschaft. Erfolg wird dabei oft als Synonym für Glück verstanden – ein Irrtum, der viele in eine endlose Spirale der Selbstoptimierung führt. Doch ist es wirklich der äussere Erfolg, der uns erfüllt? Oder liegt das wahre Glück vielleicht darin, einen Sinn zu finden – in dem, was wir tun, und in der Art, wie wir mit anderen Menschen verbunden sind?
Zweifellos ist persönlicher Erfolg ein zentraler Bestandteil unseres Selbstverständnisses. Wenn wir etwas leisten, das uns fordert und zugleich Freude bereitet, erfahren wir Zufriedenheit und Stolz. Ein gelungenes Projekt, eine sportliche Leistung oder das Meistern einer Herausforderung kann ein intensives Glücksgefühl auslösen. Doch dieses Glück ist fragil. Es vergeht schnell, wenn es nicht in einen grösseren Sinnzusammenhang eingebettet ist. Erfolg um seiner selbst willen verliert auf Dauer an Bedeutung – er wird leer, wenn er nicht in Beziehung steht: zu uns selbst, zu unseren Werten und zu den Menschen um uns herum.
Der österreichische Psychiater Viktor Frankl schrieb, dass der Mensch nicht nach Glück strebe, sondern nach Sinn – und dass Glück nur als Nebenprodukt einer sinnerfüllten Tätigkeit entstehen könne. In diesem Gedanken liegt der Schlüssel zum Verständnis des wahren Zusammenhangs zwischen Erfolg und Glück. Ein Erfolg, der für mich Sinn hat, weil ich in meiner Arbeit etwas bewirke, weil ich Menschen berühre oder weil ich dadurch wachse, trägt zu meinem Glück bei. Es ist nicht der äussere Applaus, der zählt, sondern die innere Resonanz. Sinnstiftender Erfolg wirkt wie eine Brücke zwischen Selbstverwirklichung und sozialer Verantwortung.
Gleichzeitig kann Glück nicht völlig losgelöst von anderen Menschen gedacht werden. Wir sind soziale Wesen. Unsere Emotionen, unsere Selbstwahrnehmung und unsere Motivation entstehen im Austausch mit anderen. Wenn wir anderen helfen, einen Beitrag leisten oder einfach gemeinsame Freude erleben, verstärkt sich unser eigenes Wohlbefinden. Es ist ein stilles, aber tiefes Glück, das sich einstellt, wenn man merkt, dass die eigene Existenz nicht nur für sich selbst Bedeutung hat, sondern auch für andere. In diesem Sinne müssen unsere Erfolge nicht zwingend «anderen zugutekommen», um glücklich zu machen – aber sie gewinnen an Tiefe, wenn sie es tun. Der Erfolg wird dann nicht nur zum Beweis unserer Fähigkeiten, sondern zum Ausdruck unserer Verbundenheit mit der Welt.
In einer Gesellschaft, die stark auf Individualismus und Selbstverwirklichung setzt, droht diese Verbindung leicht verloren zu gehen. Wir jagen nach Karrieren, Titeln, Reichweite – und übersehen dabei, dass Glück sich selten im Wettbewerb findet, sondern im Sinn, den wir in unseren Handlungen erkennen. Selbst der erfolgreichste Mensch kann sich leer fühlen, wenn sein Tun keinen Bezug zu einem grösseren Ganzen hat. Umgekehrt kann jemand, der äusserlich wenig erreicht hat, innerlich tief erfüllt sein, weil er Sinn in seinem Alltag findet – sei es im Beruf, im Engagement für andere oder im achtsamen Miteinander.
Ich glaube, dass Glück aus einem feinen Gleichgewicht entsteht: zwischen der Verwirklichung eigener Ziele und der Einbindung in ein soziales Geflecht. Wenn ich in meiner Arbeit Freude empfinde, wenn ich in meiner sportlichen Leistung meine Grenzen erweitere und in beidem einen Sinn erkenne, dann bin ich glücklich. Wenn ich darüber hinaus anderen Menschen etwas Gutes tue – sei es durch Unterstützung, Inspiration oder einfach durch geteilte Zeit –, dann vervollständigt sich dieses Glück. Es wird nachhaltiger, weil es nicht nur aus mir selbst, sondern auch aus dem Miteinander gespeist wird.
Unsere Erfolge müssen also nicht zwangsläufig anderen zugutekommen, um uns glücklich zu machen – aber sie entfalten ihr volles Potenzial erst dann, wenn sie Teil eines grösseren Sinnzusammenhangs werden. Glück ist kein isoliertes Ziel, sondern ein Beziehungsgeflecht aus Sinn, Selbstverwirklichung und Mitmenschlichkeit. Wenn wir in dem, was wir tun, sowohl uns selbst als auch anderen etwas Gutes tun, dann wird Erfolg zu mehr als einer persönlichen Errungenschaft: Er wird zu einem Ausdruck des Lebenssinns – und damit zur vielleicht verlässlichsten Quelle menschlichen Glücks.