Bei einer «Steer-by-Wire-Lenkung» fehlt die mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern, die Lenksäule. Stattdessen messen Sensoren jede Bewegung des Lenkrads, geben das Signal zur Verarbeitung an einen Computer, der dann Elektromotoren (Aktoren) steuert, die die Lenkung der Räder übernehmen.
Wie fühlt sich das an? Ich habe es ausprobiert in einem der ersten Serienfahrzeuge, das die Technologie eingebaut hat.
Bereits beim Ausparken ist klar: Der grösste Unterschied ist der Lenkwinkel. Bei einem klassischen Auto muss ich das Lenkrad anderthalb- bis dreimal (900°) herumdrehen, um von Anschlag zu Anschlag zu kommen. Hier genügen 90° in jede Richtung – eine Vierteldrehung.
Beim Einparken oder in engen Gassen heisst das: kein hektisches Umgreifen, keine «Hand-über-Hand»-Lenkbewegungen. Ein leichtes Drehen eines einzigen Handgelenks genügt. Schon reagiert das Auto direkt und unmittelbar.
Vergiss die Fahrschule
Nach wenigen Minuten fahre ich zeitweise nur mit einer Hand am Lenkrad durch enge Kurven. Das widerspricht dem, was ich in der Fahrschule gelernt habe: Beide Hände gehören an das Lenkrad für die «Schiebe-Zieh-Lenkung», bei der die Hände etwa auf Höhe «Viertel vor drei» am Lenkrad bleiben.
Beim Drehen «schiebt» eine Hand das Lenkrad nach oben, während die andere es «zieht» – dann wechselt die ziehende Hand oben das Rad und übernimmt die nächste Schiebe-Bewegung, während die andere unten neu greift. So wandern die Hände gegenläufig am Lenkrad entlang, ohne dass sich die Arme kreuzen.
Spezielle Lenkrad-Form
Bei diesem Lenkrad aber ist eine «Schiebebewegung» oder ein Übergreifen nicht möglich, wegen seiner speziellen Form.
Da es wie ein Steuerknüppel aus einem Flugzeugcockpit aussieht, fasse ich in den ersten Minuten immer wieder oben «ins Leere», weil ich übergreifen will. Das gewöhne ich mir schnell ab. Nach kurzer Zeit ist das spezielle Lenkrad intuitiv und erzeugt ein spielerisches, fast spielkonsolenartiges Gefühl.
Weil das Lenkrad nicht fix mit einer Stange und einer Zahnstange verbunden ist, kann der Computer das Verhältnis (die Übersetzung) von Lenkbewegung zu Radeinschlag beliebig verändern: Bei niedrigem Tempo reagiert die Lenkung sehr direkt, eine kleine Bewegung des Lenkrads bewirkt einen grossen Radausschlag. Das ist ideal für präzises Manövrieren. Bei hoher Geschwindigkeit, etwa auf der Autobahn, ist die Lenkung zurückhaltender. Eine kleine Bewegung am Lenkrad wirkt sich nicht sofort aus auf die Fahrt geradeaus. Das macht die Fahrt entspannt und stabil.
Ist das sicher?
Da «Steer-by-Wire» digital mit den Rädern kommuniziert, stellt sich die Frage: Was passiert, wenn die Elektronik ausfallen sollte? Eine Lenkung ist dann nicht mehr möglich. Doch, weil dann greift ein zweites, redundantes System ein. Üblich sind doppelte Sensoren, doppelte Steuergeräte und getrennte Stromkreise, die einander überwachen.
Die Mehrfachabsicherung ist die Voraussetzung für die Zulassung solcher Systeme, sagt Michael Strub, Geschäftsführer des Dynamic Test Center Vauffelin bei Biel. Er geht davon aus, dass sich die Technologie durchsetzen wird, da die Vorteile überwiegen, etwa bei der Gestaltung des Fussraums und beim Crashverhalten. In der Aviatik sei früher auch jede Steuerklappe mit einem Kabel verbunden gewesen. Heute fliegen viele Flugzeuge mit «Steer-by-Wire».