Verdis suggestives Preludio zum beliebten Meisterwerk verheisst nichts Gutes. Genauso wie der zerberstende Spiegel, den Starregisseur Michieletto und sein Stamm-Bühnenbildner Paolo Fantin als Seebühne dazu erschaffen haben. 28 Meter hoch ragt er ins Abendrot über dem Bodensee, die 86 Scherben werden zur Spiel-, Projektions- und Reflexionsfläche des tragischen Schicksals der Kurtisane Violetta.
Nach der literarischen Vorlage von Alexandre Dumas (fils) schuf Verdi 1852/1853 einen der grössten Hits des Repertoires. Der Stoff sorgte damals für Diskussionen, denn im Zentrum der Oper steht eine glamouröse und schwer kranke Lebedame, die sich unverhofft in den bürgerlichen Alfredo Germont verliebt. Er erwidert ihre Gefühle, die gesellschaftlichen Moralvorstellungen und sein Vater Giorgio verbieten jedoch die Beziehung.
Risse und Brüche
Der Spiegel ist bei Michieletto eine Metapher für Violettas Leben, wie auch für die Oberflächlichkeit der Gesellschaft. Er zeigt tiefe Risse, und viele Bruchstücke scheinen auf dem Wasser auseinanderzutreiben. Der Regisseur verdeutlicht die Unmöglichkeit der Liaison, indem er die Protagonistin und ihren Geliebten oft weit voneinander entfernt agieren lässt. Einmal tritt Alfredo etwa unerreichbar an der Spiegeloberkante auf.
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Bild 1 von 3. La Traviata in der Inszenierung von Damiano Michieletto: ein wahrlich rauschendes Fest. Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann.
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Bild 2 von 3. Das Wasser als Spiel- und Tanzfläche. Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Anja Koehler.
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Bild 3 von 3. Revueartige Showeinlagen gefallen der feinen Gesellschaft ebenso. Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann.
Die Sängerinnen und Sänger füllen die psychologisierende Deutung mit ihrer starken Darstellung. Marjukka Tepponen vermag Violetta sowie deren körperlichen Verfall und Niedergang eindrücklich zu verkörpern. Mit kammerspielartigen und solistischen Szenen zieht sie das Publikum in den Bann. Die lebensdurstige Seite der Kurtisane wie deren virtuose Koloraturen gelingen ihr ebenso überzeugend.
Julien Behr gibt den Alfredo als feurigen Liebhaber mit Tenor-Schmelz, wobei er stellenweise in der Höhe etwas stark vibriert. Vladimir Stoyanov alias gestrenger Vater Giorgio verkündet mit stoischer Ruhe und samtiger Stimme seine gefühlskalte Forderung zur Trennung der beiden Liebenden. Der Dirigent Kirill Karabits entfaltet am Pult der aus dem Festspielhaus zugeschalteten Wiener Symphoniker seine frische und spritzige Lesart dieses Opernhits. Er schafft aber auch eine äusserst stimmungsvolle Atmosphäre in den lyrischen oder tieftraurigen Partien.
Waten und spielen im Wasser
Das harmonierende Protagonistentrio bekommt schnell nasse Füsse, alle drei waten mehrmals durchs Wasser. Für die opulenten Festszenen bezieht der Regisseur das knöcheltiefe Wasser gekonnt mit ein, zunächst als «Spielwiese» für bunt kostümierte Feiernde mit Luftmatratzen und anderen Schwimmhilfen, später als «Tanzfläche» inklusive zweier Fontänen.
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Bild 1 von 4. Violetta (Marjukka Tepponen) ist ihrem Schicksal und ihrer Krankheit ausgeliefert. Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann.
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Bild 2 von 4. Dem Liebespaar Alfredo (Julien Behr) und Violetta (Marjukka Tepponen) sind nicht viele Momente der innigen Zweisamkeit vergönnt. Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann.
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Bild 3 von 4. «Liebe mich, Alfredo, so sehr wie ich dich liebe», singt Violetta zwar noch, erlebt einen letzten Moment der Freude mit ihm und ihren Blumen, aber ... Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann.
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Bild 4 von 4. ... schliesslich erliegt sie einsam auf einer eiskalten Spiegelscherbe der Tuberkulose. Bildquelle: Bregenzer Festspiele / Anja Koehler.
Das Spektakel der Pariser Salongesellschaft (hier in die Roaring Twenties versetzt) nimmt aber nie Überhand, sondern lässt genügend Raum für die Musik und die Feinzeichnung der Figuren. Gelegentlich zeigen Videos, auf den vertikalen Teil des Spiegels projiziert, Backflashs in Violettas Vergangenheit und Krankengeschichte.
Das Unheil als schwarze Kugel
Die Risse im Bühnenbild und im Leben Violettas werden immer deutlicher, inszeniert mittels raffinierter Lichteffekte. Gegen Ende klafft gar ein riesiges Loch in den Überresten des Spiegels. Unheimlich schwebt eine grosse schwarze Kugel wie von Zauberhand hervor, ein Symbol für die Krankheit und das unabwendbare Schicksal. Schliesslich muss die Kurtisane ganz alleine auf einer Scherbe verenden.