Im unpassenden Moment das Falsche sagen oder laut in den Raum schreien: John Davidson passiert das ständig. Je unangemessener der Moment, desto wahrscheinlicher ein Ausbruch. Mit einer solchen Szene beginnt auch die Filmbiografie «I Swear», deutsch: «Ich fluche», welche die Geschichte des an Tourette erkrankten Schotten erzählt. Der deutsche Filmtitel lautet «Verflucht normal».
Fluchen im unpassenden Moment
2019 bekommt John von der Queen den «Order of The British Empire» für sein Engagement in der Aufklärung über Tourette verliehen. Und, natürlich, entfährt ihm beim Betreten des Saals direkt eine grobe Beleidigung: «Fuck the Queen!». Das Publikum raunt. «Sorry, everyone, sorry.» Die Queen ist vorbereitet, bleibt stoisch und freundlich.
Wie notwendig Aufklärung über Tourette ist, zeigte sich ausgerechnet bei der Verleihung der britischen Filmpreise BAFTA im Februar. «I Swear» wird mehrfach ausgezeichnet, Davidson war anwesend. Während der Veranstaltung entfährt ihm eine rassistische Beleidigung und löst eine Welle der Empörung gegen ihn und die BBC aus.
Koprolalie heisst dieses Symptom von Tourette – das zwanghafte, unwillkürliche Aussprechen obszöner, vulgärer oder sozial unangebrachter Wörter. Betroffene können diese Äusserungen nicht steuern und auch nur etwa zehn Prozent aller Tourette-Erkrankten haben es. Bei vielen ist die Krankheit weniger auffällig.
In den 1980er-Jahren entwickelt Davidson im Alter von zwölf Jahren erste Ticks, ohne dass sein Umfeld weiss, was mit ihm geschieht. Die erste halbe Stunde des Films erzählt, wie er zum Problemkind wird, aus der Schule fliegt und schliesslich von der überforderten Mutter mehr oder weniger zu Hause versteckt wird.
«Lass die Leute in deinen Kopf»
Dann springt der Film zum erwachsenen John in den 1990er-Jahren. Mittlerweile hat er die Diagnose, wie er im Film einem Freund erklärt. Er beschreibt unkontrollierbare Impulse im Gehirn, die ihn Dinge tun und sagen lassen, die er nicht tun sollte – es sei Tourette. «Ist doch gut, dass man weiss, was es ist», antwortet der Freund. «Für die ersten Tage war es das», erwidert John, «bis sie gesagt haben, dass es keine Heilung gibt.»
Das Wiedersehen mit dem Freund ist schicksalhaft, denn dessen Mutter Dorothy ist Psychiatriepflegerin, kennt Tourette und weiss damit umzugehen. Sie nimmt John auf und besorgt ihm Arbeit im Gemeindezentrum.
Der Hausmeister Tommy gibt ihm dann den entscheidenden Impuls für sein späteres Engagement: «Wie wäre es, wenn du die Leute in deinen Kopf lassen würdest? Ich denke nicht, dass Tourette das Problem ist. Das Problem ist, dass wir nicht genug über Tourette wissen», sagt der Hausmeister Tommy im Film.
Berührendes Biopic
Regisseur Kirk Jones ist bislang vor allem für romantische Wohlfühlfilme bekannt. Auch «I Swear» hat viel von einem Feelgood-Movie. Er rührt zu Tränen, er bringt zum Lachen. Aber die Bezeichnung wird dem Film nicht ausreichend gerecht. Denn dafür hält der Lebensweg von John Davidson zu viele harte Momente parat. Er wird krankenhausreif geprügelt, ins Gefängnis geworfen, lebt keine Liebesbeziehung, und die Leute starren ihn immer und überall an.
Am Ende von «I Swear» verlässt man das Kino nicht nur berührt von John Davidsons Schicksal und Stärke, sondern auch mit sehr viel mehr Kenntnis über Tourette.
Kinostart: 4. Juni