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Leben mit Tourette «Es ist, als wäre ich ferngesteuert»

Mehrmals täglich bezeichnet er Leute als «Arschloch». Simon zeigt, wie er trotz Tourette die Kontrolle behält.

«In der Öffentlichkeit vermeide ich Augenkontakt, um Leute weniger zu provozieren, wenn ich fluche», sagt Simon. Denn in der freiwilligen Feuerwehr habe er einmal einen Polizisten als «Arschloch» bezeichnet. «Um die Situation zu deeskalieren, mussten meine Kollegen bezeugen, dass ich wirklich an Tourette leide.»

Mittlerweile erklärt er darum bereits bei der Begrüssung, wieso er ab und zu flucht und den Mittelfinger zeigt. «Sobald sich das Umfeld daran gewöhnt hat, geht es.»

Simon vor einem Lastwagen und zeigt den Mittelfinger.
Legende: Oft kommt der Mittelfinger aber auch in sehr passenden Momenten. SRF

Auch Simon musste sich an seine Tics gewöhnen. Denn anders als bei vielen Betroffenen, trat das Syndrom nicht in der Kindheit auf, sondern wie aus dem Nichts kurz nach seinem 17. Geburtstag. Als die ersten Tics – ein Zucken im ganzen Körper – auftauchten, hatte er keine Ahnung, was mit ihm los war.

Kurz darauf kamen Ausrufe dazu, «Hey!» im Sekundentakt. «Ich dachte, ich bin verrückt geworden», erzählt er heute rückblickend. Damals war er im ersten Lehrjahr. Kurz darauf musste er seine Lehre abbrechen. Sein Rufen und Zucken machten es ihm unmöglich, zu arbeiten.

Als würde jemand anders die Kontrolle übernehmen

Wenig später kamen die Zwänge. Zuerst warf er Tassen, Gabeln und Messer herum, verletzt wurde dabei glücklicherweise nie jemand. Bis er anfing, sich selbst zu schlagen und seinen Kopf im Türrahmen blutig zu hauen. «Das war richtig schlimm. Wir wussten nicht, wie weiter. Das war der Moment, als wir Simon in eine Klinik einweisen mussten», sagt sein Vater Jürg. 

Ein Messer steckt in einem Türrahmen
Legende: Einmal warf er ein Messer mit einer solchen Wucht, dass es im Türrahmen stecken blieb. zVg

Ursache von Tourette

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Die Ursache von Tourette und anderen Tic-Störungen ist nicht vollständig geklärt. Ärztinnen gehen von einer neuronalen Störung in der Entwicklung des Gehirns aus, die vermutlich eine stark genetische Komponente hat, die bei Buben viermal häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen. 

Damit gemeint ist meistens die Basalganglien im Gehirn. Das ist vereinfacht gesagt die «Filterstation» oder das «Schaltzentrum», das entscheidet, welche Bewegungen und Impulse zugelassen werden und welche nicht. Bei Tourette ist dieser Filter etwas zu durchlässig. 

Experten halten es für möglich, dass die Stoffwechselprozesse im Gehirn, an denen die Botenstoffe Dopamin und Serotonin beteiligt sind, aus dem Gleichgewicht geraten. Häufig kommt Tourette ausserdem mit Begleiterkrankungen wie Zwängen, Depressionen und ADHS.  

Auf die Gewissheit, dass es sich bei all diesen Symptomen um Tourette handelt, mussten Simon und seine Familie aber lange warten. Die medizinischen Kriterien für eine Diagnose sind streng: Es müssen mehrere motorische Tics wie Grimassen, Zucken oder Blinzeln und ein vokaler Tic wie Fluchen, Räuspern oder Rufen über mehr als ein Jahr auftreten und das Syndrom muss vor dem 18. Lebensjahr beginnen.  

Simon ist mit mehreren Männern zu sehen, die ihm ein Abzeichne anziehen.
Legende: Seit seiner Jugend ist Simon aktiv bei den Verkehrskadetten. Bei seiner Vereidigung trägt er einen Boxhelm als Schutz gegen seine eigenen Schläge. zVg

In dieser für die Familie sehr belastenden Zeit führte Jürg Buchser ein Symptom- und Medikations-Tagebuch. Akribisch hielt er in einer Excel-Tabelle fest, wann welche Tics auftraten und welche Medikamente Simon an diesem Tag nahm. «Die Tabelle half uns einerseits bei Arztbesuchen, im Nachhinein war sie aber auch klar eine Bewältigungsstrategie, um mich weniger hilflos zu fühlen», sagt der Vater. 

Bei Simon kam ein Gefühl hinzu, wie ferngesteuert zu sein: «Ich wollte mich vor den fahrenden Bus werfen, oder mir ein Messer in den Bauch rammen. Aber da war immer eine Bremse. Dabei wusste ich, das würde ich nie tun», so Simon.  

Simons Vater am Esstisch im Gespräch. Er schaut ernst.
Legende: «Für meine Frau und mich war das die schlimmste Zeit, als wir nicht wussten, ob Simons Tiourette jemals wieder gut wird», sagt Vater Jürg. SRF

Akzeptanz als Heilmittel

Lernt man den jungen Mann heute kennen, kann man sich das alles nur schwer vorstellen, denn von den Zwängen und Tics ist nicht mehr viel übrig. Geholfen habe ihm vor allem Akzeptanz und Zeit. «Medikamente haben bei mir nicht geholfen, vielmehr haben sie mich sediert.»

Heute sind es meist nur noch einzelne Ausrufe oder kurze Gesten, die Simons Alltag begleiten. Besonders wenn er hoch konzentriert ist, tritt das Tourette fast vollständig in den Hintergrund – ein Phänomen, das Experten als «Flow-Zustand» bezeichnen. In der Entspannung kommen die Tics dann zurück. Das erlebt Simon vor allem bei der Arbeit: Repariert er einen Lastwagen, hat er keine Tics, in der Pause zeigt er seinem Chef dann den Mittelfinger.

Ich will nicht von Invalidenrente leben müssen
Autor: Simon Buchser

Der Weg zurück in die Arbeit war ein steiniger Weg. Momentan befindet er sich im zweiten Lehrjahr als Automobilfachmann, was für ihn aber keine Selbstverständlichkeit ist. Davor musste er bereits drei Mal eine Lehre abbrechen wegen des Tourettes.

Berühmte Leidgenossen

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Dass Tourette ein breites Spektrum ist und die Tics nicht bei jeder Person gleich stark ausgeprägt sind, zeigen prominente Beispiele wie Billie Eilish und Lewis Capaldi. Beide gehen offen mit ihrer Diagnose um und verdeutlichen, dass die Ausprägungen sehr individuell sein können. 

Historisch gesehen wird oft Wolfgang Amadeus Mozart als möglicher Betroffener genannt, da er für Kraftausdrücke, Grimassen und impulsives Verhalten bekannt war. Unter Experten ist jedoch umstritten, ob es sich dabei tatsächlich um Tourette oder schlicht um eine exzentrische Künstlerpersönlichkeit handelte. 

Beim ersten Mal waren es die neu aufgetretenen Tics, die es unmöglich machten, zu arbeiten. Beim zweiten Mal musste Simon feststellen, dass es zu früh ist für einen weiteren Versuch und beim dritten Mal wollte er es als Informatiker versuchen. Ein Job in einem ruhigen Büro – das lässt sich aber mit Ausrufen nicht so gut vereinbaren. Für eine kurze Zeit war Simon dann auch auf dem zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt. «Aber ich habe auch Ziele im Leben, will eine Karriere und vielleicht irgendwann eine Familie. Darum wollte ich auf keinen Fall irgendwann eine Invalidenrente beziehen müssen.» 

Die Zeit auf dem zweiten Arbeitsmarkt gab Simon aber auch Hoffnung: «Ich habe realisiert, dass mein Begleiter im Vergleich zu anderen gar nicht so schlimm ist.» So bezeichnet Simon sein Tourette – als einen Hund, der manchmal bellt. Also fing er an, sich wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt zu bewerben.

Simon lässt das Fahrwerk eines Lastwagens herunter, um das Fahrzeug zu waschen.
Legende: Simon erzielt in seiner Ausbildung sehr gute Leistungen und schreibt Spitzennoten. SRF

Der Weg in ein «normales Leben»

Bei seinem aktuellen Arbeitgeber hat es dann geklappt. Dort pflegt man einen offenen Umgang mit seinen Tics und nimmt sie mit Humor: «Seine Tics kommen meist im richtigen Moment. Ich sage ‹Guten Morgen›, Simon direkt ‹Arschloch›», erklärt René Wasem, Leiter des Truck Centers, wo Simon arbeitet.  

«Wir besprechen uns aber regelmässig, damit das mit dem Lachen nicht aus dem Ruder läuft», sagt Wasem. Das mit dem Lachen und Tourette ist sowieso so eine Sache. Die meisten Videos, die man dazu auf Social Media findet, zielen darauf ab, lustig zu sein und Klicks zu generieren.  

Da unter anderem durch Social Media sogar Ärzte zum Teil ein falsches Bild der Krankheit im Kopf haben, erhalten Betroffene teilweise nicht die richtige Diagnose
Autor: Prof. Dr. Wolfram Kawohl Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Das führt dazu, dass viele Vorurteile existieren und man Betroffenen wenig zutraut. Das kennt auch Simon: «Ich muss mich immer wieder erklären und beweisen. Autofahren ist so ein Beispiel.» Viele würden Tourette-Betroffenen nicht zutrauen, dass sie Autofahren können. Aber die Entwicklungsstörung ist ein Spektrum, nicht alle sind gleich stark davon betroffen.  

Eine blonde Frau hat einen Tic und verzieht das Gesicht.
Legende: In den USA gibt es sogar eine Reality TV Show, die sich um das Leben und das Tourette von Baylen Durpee dreht. Youtube / TLC

Das spiegelt sich auch in der Diagnostik wider. «Da unter anderem durch Social Media sogar Ärzte zum Teil ein falsches Bild der Krankheit im Kopf haben, erhalten Betroffene teilweise nicht die richtige Diagnose», erklärt Prof. Dr. Wolfram Kawohl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. «Bei Tourette denkt man direkt an fluchende Menschen. Effektiv tun das aber laut verschiedener Studien nur etwa zehn bis dreissig Prozent. Meiner klinischen Erfahrung nach sogar eher nur zehn», erklärt der ärztliche Direktor der psychiatrischen Klinik Schlössli im Zürcher Oberland.  

Behandlungsmöglichkeiten

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Ein wirkliches Heilmittel für Tourette gibt es bisher nicht. Vielmehr versucht man, die Symptome durch Medikamente (wie Neuroleptika, die den Dopaminhaushalt regulieren) oder Verhaltenstherapien zu lindern. 

Eine zentrale Methode ist das Habit Reversal Training (Reaktionsumkehr). Dabei lernen Betroffene, das aufkommende Dranggefühl vor einem Tic rechtzeitig zu spüren und mit einer gezielten Gegenbewegung zu reagieren. So wird der Tic umgeleitet: Anstatt beispielsweise den Arm hochzuschlagen, spannt man bewusst die Armmuskeln an oder macht eine Faust in der Tasche. Auch lautstarke Tics können so in leisere Geräusche oder unverfängliche Wörter umgewandelt werden. 

In Grossbritannien kommt dieses Jahr zudem ein Armband auf dem Markt, dass Tics durch elektrische Impulse, die ans Gehirn gesendet werden, unterdrücken sollen. Wann das Produkt in anderen Ländern zugelassen wird, ist aktuell noch unklar.

Zudem komme das Tourette häufiger vor, als man denke. «Ein Prozent der Bevölkerung ist nicht wenig. Tics wie beispielsweise Räuspern oder Zucken hat sogar jede zehnte Person», sagt Kawohl. Zudem sei die Krankheit zwar nicht heilbar, könne sich aber gewissermassen auswachsen; oft trete im jungen Erwachsenenalter eine Besserung ein.

Das könnte auch bei Simon passieren. Schaue man sich den Verlauf seiner Entwicklung an, könnten laut seinem Arzt seine Tics bis zu seinem 25. Geburtstag fast ganz verschwinden, erzählt Simon. Im gleichen Atemzug sagt er aber: «Von mir aus kann das Tourette so bleiben, wie es jetzt ist. Ich habe einen Umgang damit gefunden und die Leute kennen mich so.» 

«SRF Impact Reportage»

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Legende: SRF

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SRF2 «Impact», 20.03.2026, 00.05 Uhr

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