Dieses Werk gleicht einer Wühlkiste – so bunt und vielfältig ist sein Inhalt. Es ist eine Wundertüte, die einen wenig bis nicht geläufige Seiten auch bekannter Figuren entdecken lässt.
Wussten Sie, dass zum Beispiel Ludwig van Beethoven richtig heftig schimpfen konnte? Einem Kopisten, der nicht mehr für ihn arbeiten wollte, antwortete der Komponist schriftlich ausführlich so:
«Dummer, eingebildeter, eselhafter Kerl. Mit einem solchen Lumpenkerl, der einem das Geld abstiehlt, wird man Komplimente machen? Stattdessen zieht man ihn bei seinen eselhaften Ohren. Schreibsudler, Dummer Kerl, korrigieren Sie Ihre durch Unwissenheit, Übermut, Eigendünkel und Dummheit gemachten Fehler! Dies schickt sich besser, als mich belehren zu wollen, denn das ist gerade, als wenn die Sau die Minerva belehren wollte.»
Drei Seiten Kapitän Haddock
So weit, so ausfallend. Andere Texte aus «Die hohe Kunst des Schimpfens» sind hier aber nicht zitierfähig, obwohl sie beispielsweise vom geachteten klassisch römischen Dichter Catull stammen.
Unverfänglicher, aber ebenso amüsant, geht es im Schimpfwort-Repertoire von Kapitän Haddock aus den «Tim und Struppi»-Comics zu: «Spitzbube. Ratte. Tausendfüssler. Hagel und Granaten. Alle Höllenhunde! Galgenvogel. Höllenmaschinist», wird der Kapitän zitiert – über drei Seiten.
In «Die hohe Kunst des Schimpfens» liest man ergänzend aber auch vom realen Schimpfen auf hoher See: Ein «Affenfels» ist etwa ein Boot mit sehr umfangreicher Besatzung, ein «Ferkeltreiber» das langsamste Schiff einer Gruppe, und «Himmelskomiker» bedeutet so viel wie Pastor.
Eintauchen in die Kulturgeschichte
Verschiedene Sprachen und Dialekte kommen im Buch zum Klingen – auch das Schweizerdeutsche. Eine kleine Auswahl gefällig? Halten Sie sich fest – und nehmen Sie es bitte nicht persönlich: «Arschgyge. Tubel. Goofe. Huresiech. Tschumpel. Und Tätsch!»
Mit dem Autorenpaar Wolfgang Hörner und Tobias Roth tauchen die Lesenden ein in die Kulturgeschichte: zu Ovid, Boccaccio, Shakespeare und Goethe und in Grimms Wörterbuch.
Da und dort entdeckt man Vergessenes. Etwa den 1864 verstorbenen Dichter Ernst Ortlepp aus dem Raum Leipzig. Aus ihm polterte es, aneinandergereiht:
«Geld ist Dreck. Die Menschheit ist ein Kloak. Esel sind Tiere, die sich alles gefallen lassen. Ein Publikum ist ein Ochse. Genies gibt es nicht mehr. Von Klassizität soll nun nicht mehr die Rede sein. Die Welt ist gross und so dumm, als sie gross ist.»
Dampfablassen erleichtert!
Über 220 Seiten wird in «Die hohe Kunst des Schimpfens» ungebremst geschimpft, quer durch die Epochen, in vielen Formen, in Zitaten, deren Zusammenhang Wolfgang Hörner und Tobias Roth jeweils kurz erläutern.
Welche Erkenntnis lässt sich aus diesem Buch ziehen? Dass Dampfablassen ungemein erleichtert – und dass die sprachliche Kreativität der Rohrspatzen und Schimpfkanonen unerschöpflich ist.
«Die hohe Kunst des Schimpfens» verdichtet lustvoll ein Sprachregister, das nicht eben zu den respektiertesten gehört. Vermutlich macht gerade diese Überschreitung von Sitte, Anstand und gutem Geschmack beim Lesen besonders Spass.