Es regnet in Strömen im Wald, als der Biber aus seinem Bau schwimmt und beginnt, Bäume zu fällen. Der Familien-Biberbau droht weggeschwemmt zu werden und braucht Verstärkung.
So beginnt das Bilderbuch von Sven Känzig und Thalia Mendonça Freitas. Beide sind erst 20 und haben einige Nächte durchgearbeitet, um neben der Lehre noch ein Buch zu schreiben. So erzählt es Thalia. «Wir haben uns immer gesagt: Wenn wir nicht so ein Buch machen, wer dann?»
Als Fachkräfte Betreuung Kind wissen sie, was Kinder zwischen drei und neun Jahren umtreibt. «Einmal erzählte ein Hort-Kind am Mittagstisch, dass Vapen – also E-Zigaretten rauchen – gesund sei, das habe es auf dem Handy erfahren.» Sven schlägt sich eine Faust in die Hand. «Da habe ich mir gesagt: Das kann doch nicht sein.»
Bei einer Projektarbeit in der Schule ergab das eine das andere. Sven und Thalia schrieben erst die Geschichte, nahmen an einem Unternehmerwettbewerb teil, gewannen etwas Geld und fanden einen Illustrator und einen Verlag. Seit einigen Wochen ist das Buch nun erhältlich.
Als das Eichhörnchen im Wald sieht, wie der Biber Bäume fällt, ist es höchst alarmiert. Der Biber will unseren Wald zerstören, denkt es und erzählt das sofort jedem Tier im Wald. Alle sind empört und schimpfen über den bösen Biber.
Medienkompetenz für die ganz Kleinen
Evelyne Fankhauser und Daniel Labhart von der PH Thurgau befassen sich mit Medienbildung. Sie finden, ein Bilderbuch über Desinformation im Internet könne gerade für jüngere Kinder sehr wertvoll sein.
Das Bilderbuch setze nicht bei abstrakten Nachrichten an, sondern bei einem Phänomen, das Kinder kennen: Jemand erzählt etwas, andere geben es weiter, und aus einer Vermutung wird plötzlich eine scheinbare Wahrheit.
Ganz entscheidend sei aber, was nach dem Vorlesen geschehe, sagt Fankhauser. «Ein Buch allein vermittelt noch keine Medienkompetenz. Das geschieht erst durch das gemeinsame Gespräch: Was wurde tatsächlich beobachtet? Was wurde lediglich vermutet? Was kam beim Weitererzählen dazu? Wie fühlt es sich an, zu Unrecht verdächtigt zu werden?» Mit solchen Gesprächen werde Nachrichtenkompetenz mit sprachlichem Lernen, sozialem Lernen und Perspektivenübernahme verbunden.
Im Wald ist es letztlich der Reporter der Waldzeitung, der den Tieren sagt, er könne in der Waldzeitung keine Gerüchte verbreiten. Er brauche Beweise. Endlich kann der Biber seine richtige Geschichte erzählen. Dass er nicht den Wald zerstören wollte, sondern nur einige Bäume brauchte.
Was können Eltern tun?
Als Sven Känzig und Thalia Mendonça Freitas das Buch erstmals in der Kita im Kinderhaus Hägendorf erzählen, scheint es fast, als höre man in den kleinen Köpfen die Gedanken rattern.
Für Evelyne Fankhauser und Daniel Labhart von der PH Thurgau ist die grösste Herausforderung im Umgang mit Fake News und Kindern nicht das fehlende Wissen, sondern das Verhalten der Erwachsenen: «Wenn Erwachsene vor allem warnen, verbieten oder das Verhalten der Kinder abwerten, besteht die Gefahr, dass Kinder problematische Inhalte künftig nicht mehr zeigen. Die Haltung sollte deshalb lauten: ‹Zeig mir, was du gesehen hast, und wir schauen es gemeinsam an.›»
Als die Kinder im Kinderhaus Hägendorf hören, wie das Missverständnis am Schluss des Buches aufgeklärt wird, scheinen auch sie zufrieden. Nach einer kleinen Denkpause geht die Schar wieder munter zum Lego-Tisch.