Bolani, Borani Banjan, Kabuli – in seinem Restaurant «Zamarod» in Wabern bei Bern bietet Eni Yousuf afghanische Köstlichkeiten feil.
Eni Yousuf ist knapp 30, ein feingliedriger Mann mit fröhlicher Ausstrahlung. Er begrüsst seine Gäste mit einer Mischung aus Hoch- und Berndeutsch. Die Existenz seines Restaurants ist das Happy End der Lebensgeschichte dieses Wirts, die geprägt ist von Gewalt, Not und Verzweiflung.
Als Kind entführt
Eni Yousuf kommt 1997 in einer afghanischen Bauernfamilie im Sanglakh-Tal zur Welt. Der Vater stirbt früh. Die Mutter bewirtschaftet das Gut alleine – zusammen mit den beiden Töchtern und den drei Söhnen. Eni ist der Jüngste.
2006 geschieht das Unfassbare: Der damals Neunjährige wird von den Taliban entführt. Damals herrscht in Afghanistan das politische Chaos. Nach 9/11 kamen die US-Amerikaner ins Land und vertrieben die Taliban von der Macht, ohne sie zerstören zu können.
Zur Zeit von Enis Entführung sind sie wieder auf dem Vormarsch. Sie verstehen sich als die religiös verbrämte Speerspitze des paschtunischen Afghanentums und nehmen sich auch das Recht heraus, ethnische Minderheiten im Land zu unterdrücken. Dazu zählen auch die schiitischen Hazara, denen Enis Familie angehört.
Im Lager
Die Taliban sperren den Hazara Eni ins Arbeitslager. Dort muss er Zwangsarbeit verrichten: zunächst als Teppichknüpfer, später als Minenarbeiter.
Er habe geglaubt, «dass der Spuk in kurzer Zeit vorbei» sei, sagt Eni Yousuf. Er täuscht sich: Er bleibt sieben Jahre ein Gefangener. Sieben lange Jahre, während derer er «jede Sekunde auf Flucht gehofft» habe.
Die Zustände im Lager sind grässlich: Die Aufseher schlagen das Kind und den späteren Teenager hemmungslos. Demütigungen sind an der Tagesordnung. Dreimal möchte sich der Junge umbringen, wird jedoch immer frühzeitig entdeckt.
Nach einer besonders gewalttätigen Massregelung steht Eni nicht mehr auf. Er kann und will nicht mehr für seine Peiniger schuften. Die Taliban verkaufen ihn nach Pakistan. Eni hegt den Verdacht, dass man ihm dort Organe entnehmen will.
Auf der Flucht
Panik. Doch dann hat er für einmal Glück: Er kann entwischen, schlägt sich – auf sich allein gestellt – von Pakistan über den Iran bis in die Türkei durch. Immer bedroht von falschen Schleppern und Polizisten.
Ich wollte allen zeigen, dass ich mich nicht unterkriegen lasse.
Die Überfahrt per Boot nach Griechenland erweist sich als Horrortrip. Drei Versuche scheitern – kein Benzin, Seegang, Löcher im Bootsrumpf. «Erst beim vierten verdammten Versuch ist mir die Überfahrt gelungen.»
Über die Balkanroute gelangt er in die Schweiz. Er stellt einen Antrag auf Asyl – dieser wird bewilligt. Noch im Aufnahmezentrum beginnt er, Deutsch zu büffeln – mithilfe von Youtube-Videos. Er ist begabt. «Ich wollte allen zeigen, dass ich mich nicht unterkriegen lasse», sagt Eni.
Endlich angekommen
In einem Berner Lokal schliesst er eine Lehre als Restaurantfachmann ab. Verliebt sich in seine jetzige Schweizer Partnerin. Eröffnet mit ihr vor zwei Jahren das «Zamarod». Wird Vater einer Tochter.
Ich wollte immer ein normales Leben führen.
Woher kommen diese Zähigkeit und Kraft? «Ich denke an meine Familien», sagt Eni Yousuf, «sie sind für mich das Wichtigste» – die neue in Bern und die alte in Afghanistan. Drei der Geschwister leben mittlerweile im Westen.
So wie der ehemalige Sklave der Taliban. Er hat sich seinen Traum erfüllt: «Ich wollte immer ein normales Leben führen: Arbeit, Ferien, Familie. Das ist es, was ich immer wollte.»