Wer eine gute Idee hat und erfolgreich ein Produkt lancieren kann, ruft unfreiwillig auch Fälscher auf den Plan. Das hat Berend Frenzel erfahren, Architekt und Produktdesigner aus Basel, der für seine Marke «Yohann» eine Halterung für iPads entwickelt hat: ein raffiniertes Objekt aus Holz, das ein Tablet in verschiedenen Stellungen halten kann – allein durch das Austarieren der Schwerpunkte.
«Auch wenn das Produkt einfach aussieht, ist es mit viel Entwicklungsarbeit verbunden», sagt Berend Frenzel. Als er seine Idee auf einer Crowdfunding-Plattform präsentiert, um das nötige Startkapital zu beschaffen, ist das Echo gross, die Finanzierung gelingt in Kürze. Allerdings stehen auch schon Trittbrettfahrer bereit, erzählt Frenzel: «Bereits in der ersten Woche bekam ich mehrere Fragen zum Patentschutz aus China.»
Crowdfunding-Plattformen spielten potenziellen Fälschern in die Hände, sagt der Berner Rechtsanwalt Robert Stutz, der auf Designschutz spezialisiert ist: «Es gibt mafiöse Strukturen, die sich nichts anderes zum Ziel setzen, als Fälschungen zu verkaufen und hohe Margen zu erzielen.»
Fälscher kopiert Produkt und Werbung
Glücklicherweise hat Berend Frenzel sowohl Designschutz als auch technische Patente in mehreren Ländern angemeldet. Er lanciert die Tablet-Halterung mit Erfolg und kann seine Produktpalette bald erweitern. Im Jahr 2020 stellt er erstmals fest, dass ein chinesischer Hersteller Kopien verkauft – und das deutlich günstiger als die Originale, die Berend Frenzel mit nachhaltigem Holz in italienischen und deutschen Werkstätten fertigen lässt.
«Emotional ist das nicht einfach, weil ich viel Arbeit und Herzblut in dieses Produkt gesteckt und das unternehmerische Risiko getragen habe», sagt Frenzel. «Der Fälscher hingegen hatte keine Entwicklungsarbeit und weiss schon, dass das Produkt am Markt funktioniert.» Ausserdem benutzt der chinesische Hersteller auch noch seine Marketing-Materialien.
Auch mit Fake-Webshops hatte Berend Frenzel schon Ärger: Ein Fälscher kopierte seine Webseite und kassierte Geld, ohne je etwas zu liefern. Die Beschwerden der Kunden landeten trotzdem bei ihm.
Keine Mittel, um sich zu wehren
Juristisch gegen Fälscher im Ausland vorzugehen, sei schwierig für ein Start-up, das keine Rechtsabteilung im Rücken hat, sagt Frenzel: «Das kostet Zeit und Nerven und kann richtig teuer werden.»
Das bestätigt der Rechtsanwalt Robert Stutz, dessen Kanzlei auf geistiges Eigentum spezialisiert ist: «Ein Gerichtsverfahren in den USA kommt umgehend auf mehrere Hunderttausend Dollar zu stehen. Auch in China lässt sich ein Gerichtsverfahren nicht unter 70'000 Dollar realisieren.» Summen, die für ein kleines Unternehmen unerschwinglich sind.
Wenn Unternehmen nicht die Mittel haben, um juristisch gegen Fälscher vorzugehen, ist es dann überhaupt sinnvoll, Designschutz anzumelden? Unbedingt, sagt Robert Stutz: «Designschutz hat einen Wert für potenzielle Investoren und schafft eine Grundlage, um sich überhaupt gegen den Fälscher wehren zu können.»
Ausserdem habe er schon erlebt, dass sich Fälscher die Rechte an einem Produkt sichern, wenn es der Urheber versäumt. Dann kann der eigentliche Gestalter Probleme bekommen, wenn er sein eigenes Produkt vermarkten will.
Auch in der Schweiz wird kopiert
Rund drei Viertel der Fälschungen von Schweizer Produkten kommen aus China und Hongkong, schreibt die OECD in ihrer aktuellen Studie. Der wirtschaftliche Schaden ist beträchtlich: Rund 4,5 Milliarden Franken gehen der Schweizer Wirtschaft jährlich durch Fälschungen verloren. Am stärksten ist die Uhren- und Schmuckindustrie betroffen. Aber auch Bekleidung, Lederwaren, Möbel und Elektronikprodukte sind für Kopisten interessant.
Nicht immer sitzen die Fälscher allerdings in China: Auch im Inland werden manchmal Entwürfe von Designern unerlaubt kopiert. Das hat Christian Kägi erlebt, Mitgründer und Creative Director von «Qwstion», einem Zürcher Label für nachhaltig produzierte Taschen, die ein klar erkennbares Design und ein ausgeklügeltes Tragesystem haben.
Er und sein Team haben in der Vergangenheit schon Kopien ihrer Produkte in Schweizer Warenhäusern entdeckt. «Qwstion» habe jeweils das Gespräch gesucht und konnte ohne Gerichtsverfahren erreichen, dass die Produkte aus dem Sortiment genommen wurden.
Unternehmen in der Zwickmühle
Obwohl die Zahlen zeigen, dass Design-Klau und Marken-Fälschungen für Schweizer Firmen ein zunehmendes Problem sind, wird in der Branche ungern darüber gesprochen. Denn die Unternehmen sind in einer Zwickmühle, wie der Rechtsanwalt Robert Stutz erklärt: «Wenn man zugibt, dass Kopien im Umlauf sind, verliert das eigene Produkt an Wert.
Und Fakt ist: Unternehmen schaffen es meist aus Kostengründen nicht, in jedem Fall zu intervenieren. Doch das können sie nicht kommunizieren, weil sie es den Kunden schuldig sind, gegen Fälscher vorzugehen.»
Sowohl für grosse Unternehmen als auch für Start-ups gilt: Die Ressourcen für den Kampf gegen Fälschungen müssen sinnvoll eingeteilt werden. Berend Frenzel aus Basel konnte für seine Marke erreichen, dass mehrere Online-Plattformen Kopien seiner Produkte von ihren Seiten entfernten.
Was den chinesischen Fälscher betrifft, hat er sich für Gelassenheit entschieden: «Ich versuche lieber, innovativ zu sein und mein eigenes Geschäft nach vorn zu bringen.»