Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Schmerzhafte Schönheit So litten Frauen unter Korsett und gebundenen Füssen

Jahrhundertelang wurden Frauenkörper in Europa und China buchstäblich in Form gezwungen. Das Sachbuch «Eingeschnürt» zeigt, wie Schönheitsideale Frauen bis heute unter Druck setzen.

Schönheitsnormen formen den weiblichen Körper seit Jahrhunderten – oft mit schmerzhaften Folgen.

Wie radikal diese Eingriffe sein konnten, das zeigt die Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes anhand zweier Beispiele, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: In ihrem Sachbuch «Eingeschnürt. Wie der weibliche Körper in Form gebracht wurde» vergleicht sie das Korsett mit der chinesischen Tradition des Füssebindens.

Eine Person in traditioneller Kleidung sitzt auf einem Stuhl neben Baumstämmen.
Legende: Um in diese schmalen Schuhe zu passen, musste nachgeholfen werden. Anfangs gehörte die Praxis des Füssebindens gerade in gehobenen Kreisen zur Etikette. Imago / CPA Media

Die zwei Traditionen hätten einiges gemeinsam, sagt die Autorin: «Beide Praktiken sind ab einem bestimmten Zeitpunkt in beiden Gesellschaften zwingend notwendig, um dazuzugehören. Bei beiden wird der weibliche Körper nach bestimmten Vorstellungen modelliert, die in der jeweiligen Kultur als attraktiv angesehen wurden.»

Allerdings, betont Autorin Rulffes, gebe es auch Unterschiede: Es sei definitiv mit deutlich stärkeren Schmerzen einhergegangen, die Füsse gebunden zu bekommen, als ein Korsett zu tragen. Zudem sei die Anatomie des Fusses durch das Binden dauerhaft verändert worden.

Gebundene Füsse: erst erotisch, dann tugendhaft

Die Praxis des Füssebindens entwickelt sich in China im 11. Jahrhundert – und hält sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Im Alter von sechs bis acht Jahren bekamen Mädchen ihre Füsse gebunden: Dabei wurden die Zehen so unter die Fusssohle gebunden, dass die Füsse möglichst klein und zart weiterwuchsen.

Es wird zu einem Zeichen für Anstand.
Autor: Evke Rulffes Kulturwissenschaftlerin

Zunächst sind es Tänzerinnen, die ihre Füsse binden – das soll elegant und erotisch wirken. Später übernehmen Frauen der chinesischen Oberschicht diese Praxis. «Als das passiert, muss das Füssebinden tugendhaft umgedeutet werden», erklärt Kulturwissenschaftlerin Evke Rulffes. Die kleinen Füsse stehen plötzlich nicht mehr für Sinnlichkeit und Verruchtheit, sondern für Tugend. «Es wird zu einem Zeichen für Anstand, es gehört sich so.»

Gleichzeitig zeigen gebundene Füsse, dass man eine höhere gesellschaftliche Stellung innehat: Schliesslich lässt es sich mit gebundenen Füssen schlecht auf dem Feld arbeiten. Frauen mit gebundenen Füssen können es sich leisten, dass sie nur kleine Schritte machen können.

Gruppe von sechs Personen in traditioneller Kleidung, die für ein Foto posieren.
Legende: Eine fast 1000 Jahre alte Tradition: Schon in frühen Jahren wurden Mädchen in China die Füsse gebunden. Erst im 20. Jahrhundert fand die schmerzvolle Praxis ein Ende. Getty Images / Pictures from History

Im 18. und 19. Jahrhundert verbreitet sich das Füssebinden auch in den ärmsten Schichten. Vor allem im Norden Chinas haben um 1900 fast alle Frauen gebundene Füsse. Zu diesem Zeitpunkt steht die Praxis für Weiblichkeit und für Disziplin. Schliesslich haben Frauen mit gebundenen Füssen in ihrer Kindheit jahrelang extreme Schmerzen ertragen. Wer dagegen keine gebundenen Füsse hat, hat keinerlei Chance, einen Ehemann zu finden.

Auch das Korsett gilt als zwingendes Kleidungsstück für jede «anständige» Frau – und damit in bürgerlichen Schichten als Voraussetzung, um eine «gute Partie» zu machen.

Korsett lässt Rumpfmuskulatur verkümmern

Beide Gesellschaften seien stark patriarchal organisiert gewesen, sagt Autorin Rulffes: «In beiden Gesellschaften wurde es Frauen sehr schwer gemacht, finanziell und rechtlich unabhängig von einem Ehemann leben zu können. Weil die Frauen darauf angewiesen waren, zu heiraten, mussten sie sich den Vorstellungen der Gesellschaft beugen.»

In ihrem Buch zeigt Evke Rulffes auf, dass auch das Tragen eines Korsetts alles andere als harmlos war: Die oft extrem eng geschnürten Korsetts deformierten die inneren Organe, wenn sie über längere Zeit getragen wurden.

Frau in historischem Kleid posiert vor einem neutralen Hintergrund.
Legende: Vordergründig ein Sinnbild für Anmut und Eleganz, hintergründig oft eine Tortur für die Trägerin des Korsetts. Die Taille einer gewissen Miss S. Clarke war auffallend schmal. Getty Images / London Stereoscopic Company

Frauen, die sich jahrelang ins Korsett zwängten, konnten sich ohne Korsett nicht mehr aufrecht halten – weil ihre Rumpfmuskulatur komplett verkümmert war. Auch das Korsett wurde mit unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Eigenschaften assoziiert: Es stand gleichermassen für Weiblichkeit, Anstand und Erotik.

Doch das Korsett war längst nicht das einzige Kleidungsstück, das die Bewegungsfreiheit europäischer Frauen massiv einschränkte: Um 1900 war es üblich, dass Frauen mehrere Röcke übereinander trugen – die allesamt bis zum Boden reichten. Allein diese Unterwäsche wog rund zweieinhalb Kilogramm, schreibt Rulffes. Dazu kamen Jacken, deren Ärmel so eng geschnitten waren, dass die Frauen ihre Arme nicht mehr heben konnten.

Keinerlei Verständnis für die andere Seite

Frauen in China wie in Europa litten also körperlich unter dem jeweils herrschenden Modediktat – das Verständnis für die jeweils andere Seite förderte das jedoch nicht. Das zeigen Zeitzeugenberichte. Sie zählen zu den spannendsten Passagen in Rulffes’ Buch. Darin echauffieren sich Chinesinnen über Korsett-tragende Europäerinnen und umgekehrt.

So erklärt etwa die chinesische Kaiserinwitwe Cixi entsetzt: «Es ist wirklich erbärmlich, was ausländische Frauen ertragen müssen. Sie werden mit Stahlstangen gebunden, bis sie kaum noch atmen können. Schrecklich!»

Frau mit langem lockigem Haar in Korsett, kämmt mit Bürste.
Legende: Buchstäblich eingeschnürt: Viel Raum zum Bewegen und Atmen liess dieses Korsett sicher nicht. Imago / Granger Historical Picture Archive

Autorin Rulffes sagt dazu: «Man würde ja hoffen, dass der Perspektivwechsel die eigenen Praktiken infrage stellt. Das hat aber nur bedingt funktioniert.» Stattdessen wird die jeweils andere Seite bemitleidet. Selbstreflexion findet nicht statt.

Westliche Missionarinnen etwa waren davon überzeugt, dass sie die Chinesinnen vom Füssebinden «befreien» müssten. Die Chinesinnen sollten unabhängiger werden, selbstständiger. Dass die Missionarinnen selbst ein Korsett trugen und von ihren Männern abhängig waren, blendeten sie aus.

Der Vergleich mit heute drängt sich auf

Evke Rulffes spannt in ihrem Buch einen weiten Bogen: Sie beleuchtet nicht nur, wie sich weibliche Schönheitsideale im Laufe der Jahrhunderte verändern, sie beschreibt auch das politische, gesellschaftliche und kulturelle Umfeld, in dem diese Praktiken entstanden sind.

Und: Sie zeichnet nach, wie um 1900 in China und Europa Emanzipationsbewegungen aufkommen, die die Frauen vom Korsett und den gebundenen Füssen befreien wollen. Dass es schliesslich dazu kommt, dass Frauen in Europa ihre Taillen nicht länger einschnüren und Chinesinnen ihre Füsse nicht mehr möglichst klein und schmal binden – das hat in beiden Gesellschaften viel damit zu tun, dass Sport zunehmend wichtig wird.

Immer wieder zieht Rulffes auch Vergleiche zu heute. Sie drängen sich geradezu auf: Schliesslich machen Schönheits-OPs und Abnehmspritzen den weiblichen Körper so formbar wie nie.

Evke Rulffes betrachtet diese Entwicklung kritisch: «Frauen haben heute rechtlich sehr viel mehr Freiheiten, sehr viel mehr Möglichkeiten. Warum unterwerfen wir uns immer noch einem bestimmten Regime, wo der Blick von aussen sehr viel zählt?»

Buchhinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Evke Rulffes: «Eingeschnürt. Wie der weibliche Körper in Form gebracht wurde». Harper Collins, 2026.

Radio SRF2 Kultur, Kultur-Aktualität, 28.7.2026, 7:06 Uhr; wyss

Meistgelesene Artikel