Normalerweise erteile er keine Ferndiagnose, sagt Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs, Professor am Universitätsklinikum Heidelberg. Aber beim amtierenden US-Präsidenten macht er eine Ausnahme: «Donald Trump ist ein Lehrbuchbeispiel für einen ausgeprägten grandiosen Narzissmus.»
Trump sei in einer reichen Familie aufgewachsen, mit einer abwesenden Mutter und einem autoritären Vater. Ein Vater, «der alle Eigenschaften begünstigt hat, die unangenehm waren. Der ihn nie seiner selbst wegen gemocht hat und mit ihm nicht zärtlich war».
Hinzu kam ein Umfeld, in dem Trump für die Grossspurigkeit bewundert wurde. «Das führte dann auf die Bahn des späteren Narzissten.»
Die Sache mit der Selbstliebe
Übertriebene Selbstliebe: Das ist das Hauptmerkmal des Narzissmus. Dazu kommt das Bedürfnis, bewundert zu werden. Plus ein Mangel an Empathie. Für Narzissten sind andere Menschen vor allem dazu da, ihm zu huldigen.
Neben dem selbstsicheren, arroganten und dominanten Narzissten (Fachbegriff: «der grandiose Narzisst» vom Typ Donald Trump, häufiger Männer) gibt es eine verstecktere Variante: die vulnerable Narzisstin (laut Forschung häufiger Frauen). Sie ist übermässig empfindlich, ängstlich und unsicher.
Kinder brauchen Wärme
Die Ursachen für Narzissmus sind vielfältig. Eine zentrale Rolle spielen laut Fuchs die Eltern. Schaffen sie es nicht, dem Kind Wärme und körperliche Zuneigung zu geben, sei das ein möglicher Nährboden für Narzissmus, sagt Fuchs.
Denn der Psychiater ist überzeugt: Narzissten leiden im Kern an einer inneren Leere. Thomas Fuchs spricht von einem «tiefen Gefühl, nichts wert zu sein, nicht geliebt zu werden», von mangelnder «Selbstwärme». «Sich zu Hause fühlen im eigenen Körper, das gelingt dem Narzissten nicht.»
«Auch eine Tragik»
Der Narzisst, der an innerer Kälte leidet und sie mit Grossspurigkeit und Arroganz überspielt: Sollten wir ihm mit mehr Sympathie begegnen? «Es ist wichtig, Narzissten in die Schranken zu weisen», betont Psychiater Thomas Fuchs. «Aber es hilft, sich klarzumachen, dass dahinter auch eine Not, vielleicht sogar eine Tragik steckt.»
Mit den sozialen Medien gibt es heute eine Bühne für Narzissmus, wie es sie zuvor nie gegeben hat.
Doch wann ist Narzissmus problematisch – und wann einfach ein unangenehmer Wesenszug? Nur weil sich der Arbeitskollege an Sitzungen stets in den Vordergrund spielt, muss er nicht gleich psychisch krank sein.
Gemeinhin gilt: Wenn der Narzissmus dem Narzissten selbst schadet, wenn er oder sie Probleme hat in Beziehungen und Beruf, wenn die Empathie völlig fehlt, dann werden narzisstische Eigenschaften zur krankhaften Störung.
Das Zeitalter des Narzissmus
Schaut man sich um auf der internationalen Bühne und in den sozialen Medien, so erhält man den Eindruck: Narzisstinnen und Narzissten sind überall. Eine Studie mit US-College-Studierenden spricht gar von einer «Narzissmus-Epidemie».
Thomas Fuchs erstaunt das nicht. Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem sei auf Wachstum und Konkurrenz ausgerichtet, auf fortwährende Steigerung und Fortschritt. Das könne eine narzisstische Orientierung begünstigen. Schon in den 1970er-Jahren haben Wissenschaftler das «Zeitalter des Narzissmus» ausgerufen.
«Mit den sozialen Medien gibt es heute eine Bühne für Narzissmus, wie es sie zuvor nie gegeben hat», sagt der Philosoph Thomas Fuchs. Das Zeitalter des Narzissmus ist also noch lange nicht vorüber.