Shirana Shahbazi gehört zu den bekanntesten Künstlerinnen der Schweiz. Ihre Kunst dreht sich seit rund 25 Jahren um Grundfragen: Was zeigt eine Fotografie? Wie ist sie mit der Realität verbunden? Ihre Arbeiten funktionieren wie ein Spiegelkabinett: Man verirrt sich darin.
Die Fotografin machte eine steile Karriere und gewann früh grosse Preise. Sie hinterfragt Bilder und legt sie dafür auch übereinander. Wie in ihrer neusten Werkserie «Falling». Auf grossen Lithografien sind Menschen zu sehen, die im Wasser schwimmen oder hineinspringen. Shahbazi kombiniert sie zu schwebenden Fabelwesen.
Für das Projekt hat Shahbazi im Wasser fotografiert. Der Schwebezustand wirkt verwirrend auf Betrachterinnen und Betrachter, die der Schwerkraft unterworfen sind. Auch Shahbazis neue Riesenarbeit am Zürcher Grossmünster zeigt Schwebende. Dort hat die Künstlerin mit einer ähnlichen Serie ein Kunst-am-Bau-Projekt für die Gerüstverkleidung realisiert.
Neben Shahbazis Werken zeigt die Ausstellung in Luzern auch Arbeiten von Li Tavor. Das ist aufregend, denn die Latexhäute von Tavor strukturieren die Räume neu. Die hohen «white cubes» des Kunstmuseums Luzern werden unterbrochen: Häute hängen von der Decke und wirken massig, aber sie bewegen sich sanft, wenn man an ihnen vorbeigeht.
Eine der Latexhäute ist schmutzig-weiss und wie ein Bandana verziert. Die Halstücher fungierten einst als Code für die queere Lust: Dem «Hanky Code» folgend stand, wer ein weisses Bandana trug, auf Masturbation.
Aber erstens ist die Zeit der einfachen Schubladen vorbei und zweitens ist Tavors weisses Bandana viel zu gross, um es als Signal zu nutzen. Es ist aus vielen Latexstücken zusammengesetzt. «Straight is great» steht drauf. Bloss ist hier gar nichts gerade.
Immergleiches immer anders
Tavor identifiziert sich als non-binär und zitiert mit dem Satz eine New-York-Times-Kolumne zu Dating, die einige als polemisch und heteronormativ kritisierten. Das Ganze sorgte nicht nur in der queeren Community für Aufsehen. In der Luzerner Ausstellung finden Tavors Werke mit denen von Shahbazi zusammen und stiften gemeinsam Verwirrung.
Einen Saal haben die beiden mit spiegelnden Glaswänden in einen grandiosen Erlebnisraum verwandelt. Man kann dort stundenlang verweilen und gebannt zuschauen, wie das Immergleiche immer wieder anders aussieht.
Das Urproblem der Kunst
Videos von gurgelndem, schäumendem Wasser werden an Wände und Decken projiziert, brechen sich in den Ecken, werden über Spiegel zurückgeworfen und farbig eingefärbt. Sie lösen die Besuchenden aus dem Hier und Jetzt und reflektieren ein Urproblem der Kunst. Schon Leonardo da Vinci fragte sich, wie Wasser darzustellen und seine Bewegung zu berechnen sei.
Vielleicht geht’s hier aber auch gar nicht so sehr um Kunst, sondern um eine Lebenskraft, die sich nicht in festen Bahnen lenken lässt – geradezu eine Utopie der Freiheit.
Leider hält die Luzerner Ausstellung diese Qualität nicht bis zum Schluss durch, die letzten beiden Räume wirken zufällig und deutlich schwächer als die ersten. Als seien ein paar Werke übrig geblieben, die auch noch einen Platz suchen.
Einige wenige Werke von iranischen Künstlerinnen werden hier herbeigezogen. Warum? Und warum gerade diese, bleibt unklar. Der dominante Rhythmus von Shahbazis Kunst ist die Wiederholung, aber manchmal erschöpft sie sich auch in der Repetition.