Zu meinem 30. Geburtstag bekam ich Ingeborg Bachmanns Erzählband «Das dreissigste Jahr» geschenkt – das klassische Literaturgeschenk zu diesem runden Geburtstag. Damals war ich hochschwanger und fand vor lauter Aufregung keine Ruhe zum Lesen. Erst einige Wochen nach der Geburt, als mein Baby tief in meinen Armen schlief, nahm ich den Erzählband zur Hand. Weil mir der Titel der Kurzgeschichte «Alles» so gefiel, las ich diese als erste.
Mit der Wucht der ganzen Existenz
In «Alles» geht es um einen Mann, der gerade 30 Jahre alt und Vater geworden ist. Mit dem Baby im Arm denkt er darüber nach, was von dieser «schlechtesten aller Welten» einem neuen Menschen überhaupt beibringenswert ist. Wäre es nicht besser, das Kind vor der Bösartigkeit der Menschen und ihrer demütigenden Sprache zu schützen – jener Sprache, die Kriege ermöglicht?
Der Vater gerät über diese Fragen in eine existenzielle Krise. Die Geschichte zwischen Vater und Sohn endet so radikal und erschütternd, dass ich nach wenigen Seiten schweissgebadet war, mein eigenes Kind noch fester an mich drückte und Ingeborg Bachmann endgültig verfallen war. Nach dieser einen Erzählung wurde mir klar: Dieser Autorin geht es wirklich um alles. Jede ihrer Figuren konfrontiert sie mit der Wucht der ganzen menschlichen Existenz.
Zäsur oder Neubetrachtung?
Auch die übrigen Erzählungen handeln von Menschen in ihrem 30. Lebensjahr. Sie erleben darin einen Bruch, einen Übergang, der ihr bisheriges Leben infrage stellt. Bachmanns Figuren wachen eines Morgens auf und fragen sich: Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Was bleibt von mir, wenn ich gesellschaftliche Normen abstreife? Sie fühlen sich, wie Bachmann schreibt, «ohnmächtig bei vollem Bewusstsein».
Plötzlich sind sie bereit, ihr Leben radikal zu verändern: abzureisen, auszuziehen, mit Beziehungen oder Ideologien zu brechen. So wie Bachmann selbst, die ihr 30. Lebensjahr als Zäsur erlebte und beschloss, fortan statt der Lyrik, für die sie frenetisch gefeiert wurde, nur noch Prosa zu schreiben.
So schmerzhaft diese Krisen sind – für Bachmanns Figuren bedeuten sie am Ende die Befreiung von Konventionen, von Kriegslast und männlicher Bevormundung. In der berühmten Erzählung «Undine geht», die den Band «Das dreissigste Jahr» beschliesst, verlässt eine Geliebte ihren verheirateten Liebhaber und entscheidet sich für ein selbstbestimmtes Leben.
Der Band ist deshalb kein Buch über das Alter 30, sondern über einen Geisteszustand, der einen in jedem Alter, in jeder Lebensphase ereilen kann: den Moment, in dem man sich selbst und sein Leben noch einmal neu betrachtet.
Ein Geschenk
Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Sie starb tragisch mit nur 47 Jahren an den Folgen einer Verbrennung, nachdem sie mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen war. Wir können ihr nichts mehr schenken. Aber was sie uns mit «Das dreissigste Jahr» geschenkt hat, sind nicht nur zeitlose Gedanken über Sinn und Unsinn des Lebens, sondern vor allem den Mut zur Veränderung.
Der letzte Satz der titelgebenden Erzählung dreht alle Schwere wieder in Leichtigkeit und geht so: «Ich sage dir: Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen.» Vielleicht der beste Satz, den man einem Menschen zum Geburtstag schenken kann.